Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE ÄUSSTELLUNG FRANZÖSISCHER
KUNST IM LEIPZIGER KUNSTVEREIN

Mit 7 Abbildungen Von GEORG BIERMÄNN

Der Leipziger Kunftverein, der [eit langem für die künftlerifchen Intereffen der Pleiße-
[tadt einen Kriftallifationspunkt bedeutet, wie ihn fo manches andere deutfche
Provinzzentrum nicht befißt, hat kürzlich eine Kunftfchau franzöfifcher Werke eröffnet,
die fchon als Verfuch die Anerkennung aller künftlerifch intereffierten Kreife verdient.

Nicht, weil wir wieder einmal angehalten werden [ollen, vor der nachgerade allzu
oft komplimentierten Kunft unferes Nachbarlandes den Hut abzuziehen (was dem
künftlerifchen Selbftbewußtfein unferer eigenen Nation nicht eben förderlich ift), [ondern
weil es im Rahmen des allgemeinen Äusftellungswefens unbedingt als Fortfehritt zu
begrüßen ift, wenn folche Veranftaltungen unter einem anderen Gefichtspunkt als dem
bisher üblichen, dem Zufall entfprechenden, erfolgen.

Denn gerade diefe Ausheilung — und [ie ift durchaus nicht die erfte ihrer Art in
Leipzig — verfolgt einen beftimmten Zweck. Sie will in einem, allerdings viel zu
engen Rahmen zeigen, welche Wege die große franzöfifche Kunft in einer mehrere
Jahrhunderte umfaffenden Entwicklung gegangen ift. Sie will den heiteren Sonnen-
glanz des Rokoko mit dem franzöfifchen Klaffizismus, mit der Zeit der Romantik und
weiterhin mit jenem Erwachen einer neuen Kunftanfdiauung verbinden (als deren
Refultat wir etwa die Schule von Barbizon und das Evangelium der erften Impreffio-
niften anfprechen), deren Ausfluß die modernfte Kunft Frankreichs ift.

Wenn man befcheidene An-
fprüche an die Auswahl der
Werke und die verfügbaren Pro-
ben, fpeziell für die ältere Zeit,

[teilt, fo kann man unbedingt
zugeben, daß diefe Aufgabe
vortrefflich gelungen fei. Und
wir müffen uns naturgemäß mit
fo befcheidenen Anfprüchen —
foweit fie das Programm im
Großen angehen — Genüge fein
laffen, denn mehr zu verlangen
ift im Rahmen der heutigen Ver-
hältniffe beinahe unmöglich.

Gegen das Arrangement aber
ließen [ich im Einzelnen viel-
leicht Bedenken geltend machen,
weil hier zu wenig die hifto-
rifche Richtlinie betont worden
ift, wofür aber die Befchränkt-
heit an Raum eine wohlbegrün-
dete Entfchuldigung darbietet.

Nehmen wir darum getroft die
Ausftellung, die auch nach außen
hin berechtigtes Auffehen erregt

FRANCOIS BOUCHER, Die Mühle von Charenton

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