Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN ° DENKMALPFLEGE

Übrige aber beifeite zu laffen. Der Zufchauer-
raum ift im englifchen Empireftil, in den Wedge-
woodfarben: blau und weiß, ausgeführt und be-
fißt zugleich etwas höchft Vornehmes und doch
Intimes. Die Bühneneinrichtungen entfprechen
der Hagemannfchen „Idealbühne“. Mit der groben
„Illufionsbühne“ hat Miß Kingfton gebrochen.
Ihr Tempelchen dramatifcher Kunft wirkt hier im
Lande des reichvergoldeten Stucco, der Über-
ladung, der unbarmherzigen, marktfchreierifchen
Lichtfluten wie eine Offenbarung.

Vom November bis Januar wird hier eine
Äusftellung von Cezannes, Van Goghs, Gauguin,
und MatilTes in den GRÄFTON GALLERIES
abgehalten werden. Es wird die erfte Äus-
ftellung diefer Ärt in London fein, das bisher
nur einzelne Arbeiten diefer Maler da und dort
kennen gelernt hat.

CÄRFÄX GHLLERY (24,BurgStreet,St.Jame’s):
Zeichnungen und Gemälde kleinen Formates von
Älbert Rothenftein. Die Stücke verkünden
Sicherheit des Äuges wie der Hand, Selbftändig-
keit der Vifion und doch Ehrfurcht vor der
Natur. F.

PÄRIS In den Räumen des Sommertheaters
ÄLCÄZÄR D’ETE ift am 1. Oktober die erfte
Äusftellung der neuen Union internationale des
Beaux-arts et des Lettres eröffnet worden, zu
der auch zahlreiche Einladungen an deutfche
Künftler ergangen find. Erfreulicher weife haben
nur wenige der Einladung folge geleiftet, die
fich in einem fürchterlichen Durcheinander mittel-
mäßiger, franzöfifcher Künftler verlieren. Diese
höchft überflüffige Äusftellung, die von derPreffe
ziemlich unbeachtet geblieben ist, und in die fleh
nur feiten ein Befucher verirrt, hat ein völliges
Fiasko gemacht. Es ift bedauerlich, daß gerade
in einer derartigen Äusftellung deutfche Künftler
wie Rohlfs, Nauen, Stuckenberg und Käthe Koll-
wiß auftreten.

In der Galerie GEORGES PETIT ift die fechfte
Äusftellung der internationalen Äquarell-Gefell-
fchaft eröffnet worden, die fich von der Äus-
ftellung in keiner Weife unterfcheidet.

Die Galerie BERNHEIM hat eine fchöne, retro-
fpektive Äusftellung von Henri Edmond Croß,
der am 16. Mai 1910 ftarb, veranftaltet, in der
die beften Schöpfungen diefes edlen Künftlers
vereinigt find. Maurice Denis hat für einen
Katalog ein warmherziges und geiftreiches Vor-
wort gefchrieben. 0. G.

DENKMÄLPFLEGE

BERLIN Die Jubiläumsfeiern der Univerfität
fanden in der neuenÄula ftatt, welche in das
Gebäude der alten königl. Bibliothek hinein-
gebaut worden ift. Die ehemalige Bibliothek,
welche von Boumann d. J. nach einer Zeichnung
Ungers,die fich an Fifchervon Erlachs Hofburgtrakt
anlehnt, in den Jahren von 1775—80 errichtet
wurde, gehört zu den bedeutendften alten Bau-
denkmälern Berlins. Es ift erfreulich, daß durch
die notwendig gewordenen Veränderungen im
Innern Bemerkenswertes nicht zerftört wurde:
um fo fchlimmer ift man mit dem Äußeren des
Haufes umgegangen. Ein hohes, aufdringlich
fichtbares Glasdach hat man an die Stelle des
alten gefeßt und dadurch die Gefamtwirkung
des Baues total verändert. Äuch die feine
Wirkung der mit Skulpturen befeßten Bekrönung
ift dahin. Diefes unfaßliche Verfahren, das zu
den Grundbegriffen des Denkmalfchußes in
fchreiendem Widerfpruch fleht, hat mit Recht
die lebhaftefte Entrüftung künftlerifch empfinden-
der Kreife hervorgerufen. Svs.

EMPOLI Die Faffade der Collegiata, die
laut Infchrift aus dem Jahre 1093 flammt und
derjenigen von San Miniato al Monte verwandt
ift, roll nach einem von Prof. Giufeppe Caftel-
lucci verfaßten Wiederherftellungsplan von den
flörenden Anbauten des Architekten Ruggeri
(1738) befreit und im Sinne des urfprünglichen
Entwurfs reftauriert werden. B.

POTSDAM Im I. Heft des neuen Jahrganges
von „Kunft und Künftler“ findet fich ein Äuffaß
von Friß Rumpf über Potsdam, bereichert durch
eine große Zahl vortrefflicher Aufnahmen von
Potsdamer Bauten, zumeift Privathäufern, die
dem Fernerftehenden recht deutlich vor Äugen
führen, welche architektonifchen Schäße Berlins
Nachbarftadt birgt. Der Äuffaß des in Potsdam
lebenden Verfaffers, der als Künftler ein feines
Äuge für die Schönheiten der Stadt befißt, ift
bemerkenswert als lebhafte Anklage gegen den
in Potsdam mit unverantwortlicher Fahrläffig-
keit gehandhabten Denkmälerfchuß. Rumpf be-
tont fehr richtig, daß durch feiten günftige
Verhältniffe, welche auf der langfamen Entwick-
lung Potsdams bafieren, der Beftand an her-
vorragenden Staats- und Privatbauten ein er-
flaunlich hoher ift. Dem geht man aber jeßt,
gerade jeßt, nachdem in Deutfchland allerorten
für die Denkmalspflege beffereTage angebrochen
find, fchonungslos zu Leibe. „Man follte glauben,
daß die Bürger Potsdams alles aufbieten müßten

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