Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

Privathäufer (Nürnberg, Mitte des 16. Jahrhdts.)
und Handzeichnungen Carl v. Hafenauers ange-
kauft. V. F.

AUSSTELLUNGEN

DIE WIENER SEZESSION Die inter-
effantefte Äusftellung der erften Monate diefes
Jahres verdanken wir der „Sezeffion“. Sie
hat im Hauptraume ihres Gebäudes eine impo-
sante Kollektion von Skulpturen des jungen
Dalmatiners Ivan Meftrovic vereinigt. Eine
machtvolle, eigenartige und zukunftsfichere künft-
lerifche Perfönlichkeit offenbart fich in diefen
Werken des kaum fiebenundzwanzigjährigen
Bildhauers. Drei ftarke Faktoren haben ihn zu
kräftiger Individualität reifen laffen: die klaffifdie
Kunft (mit Einfchluß der orientalifchen Völker),
die heroifche Formenwelt des Michelangelo
und die Moderne, die durdi die Namen Rodin,
Lederer und Meßner charakterifiert ift. Äber
Meftrovic ift kein Nachahmer und kein Ab-
hängiger. Von den Alten hat er gelernt, den
Mut zu gewagten Experimenten empfangen, mit
den Neuen verbindet ihn verwandtes Streben
nach einem noch zu fchaffenden großen, monu-
mentalen Stil. Er verfügt über eine fouveräne
Beherrfchung der Anatomie des menfchlichen
Körpers und es macht ihm fichtlich Freude hoch-
gefpannte Energien in geftrafften Sehnen und
geballten Muskeln darzuftellen, die reife Schön-
heit eines entwickelten Frauenleibs nachzubilden.
Man kann die ganz eminente plaftifche Ge-
ftaltungskraft an dem Körper einer müde hin-
gefunkenen Frau in der Gruppe der „Witwen“
oder an der kauernden („Erinnerung“) ebenso
bewundern wie an dem vorwärtsftürmenden
„Heros“. Ein Motiv kehrt öfters wieder: eine
ftarke Drehung des Kopfes gegen die eine, etwas
gehobene Schulter. Zweierlei erreicht der Künftler
damit: die kräftigere Betonung der Halsmuskeln
und eine prachtvolle rhythmifche Linie, die an der
Stirn, beim Haaranfaß, beginnt und in fchöner
Form längs des Nackens über den Rücken ver-
läuft. Ein grandiofer Rhythmus ift vielleicht
überhaupt das ftärkfte Charakteriftikum für die
Kunft des Ivan Meftrovic: ein Rhythmus der
Maffen, der Flächen und Linien, der Licht- und
Schattenwirkungen. Wohl diefem Rhythmus zu
Liebe bricht der Künftler mitunter die Arme
feiner Figuren nicht gar tief unter den Schultern
ab, fei es, um den Blick in beftimmter Richtung
weiterzuführen, fei es, um eine die Harmonie
ftörende Überfchneidung zu meiden. Und man
empßndet die|e Torfi auch nie als unvollendet,
nimmt den vom Bildhauer gewollten Eindruck
ohne Gefühl des Befremdens an. Neben den

Büften, den großen Figuren und Gruppen, die
faft immer verblüffend ficher in den Block
hineinkomponiert find, hat Mestrovic eine Reihe
kleinerer Arbeiten und Studien ausgeftellt, die
oft reizvolle genrehafte und dekorative Be-
gabung zeigen. Am liebften aber fähe man den
Künftler doch vor eine große monumentale Auf-
gabe geftellt. Die müßte feiner überquellenden
Schöpferphantafie ein Impuls zur vollen Än-
fpannung feiner Kräfte fein und würde uns ge-
wiß ein ganz gereiftes Meifterwerk befcheren. —
In den Nebenräumen der „Sezeffion“ find Kol-
lektivausftellungen von H. v. Hayek, Walter
Klemm, Schramm-Zittau, W. Slevihski und Karl
Thieman zu fehen. Victor Fleifcher.

BÄSEL In der Februarausftellung derBASLER
KUNSTHALLE hat eine polychrome Venusftatue
von Karl Burckhardt großes Äuffehen gemacht.
Die Plaftik, welche die Genetrix als überreifes
Weib darftellt, zeigt eine recht gute, originelle
Linienführung. Die Durcharbeit aber läßt Stil-
ficherheit vermißen und gibt eineMifchung ftark
naturaliftifcher und übermäßig ftilifierter Partien.
In der Farbenzufammenftellung von kreidigem
Weiß des Fleifches mit poliertem Braunrot und
Bernfteingelb von Gewand und Haar ift ein
Gegenfaß gefchaßen, der unferm Farbenempßn-
den nicht zufagt. Die Basler Kunftfammiung hat
die Erwerbung der Statue abgelehnt; fie ift nun
für 30000 Fr. von privater Seite gekauft worden.

J. C.

BERLIN Bei GURLITT haben einige Mitglieder
der Münchner Künftlervereinigung „Scholle“ aus-
geftellt, die bei aller Gemeinfamkeit in ihrem
Wollen doch als kraftvolle Individualitäten ftreng
gefchieden neben einander ftehen. Was man
äußerlich als gemeinfames Merkmal wenigftens
der Hauptführer der Vereinigung anzufehen fich
gewöhnt hat, den foliden, breiten Pinfelftrich,
der aus gut abgewogenen, tonigen Flächen,
wie aus Ziegelfteinen, das Bild aufbaut — ift
kaum noch belangreich für die Bewertung des aus-
gefprochenen perfönlichen Bekenntnißes, wie es
uns in den Werken der Einzelnen entgegen-
tritt. Noch immer ift Puß der befte Maler unter
allen, unerreicht in der frifchfinnlichen Empßn-
dung der Farbe, die jede Form auf ihre kolo-
riftifche Erfcheinung hin prüft und durchbildet.
Daß er daneben vortreßlich zeichnet, ift faft
nebenfächlich, denn er tut es nur mit der Farbe.
Und das ift es, was ihn etwa von Münzer oder
Erler grundfäßlich unterfcheidet. Das große
Bild „Hinter den Kulißen“ (Berliner Privatbefiß
feit 1906) ift ja von früher her bekannt, ebenfo
anderes wie der „fchlafende Akt“, der die be-

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