Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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ENTDECKUNGEN UND FUNDE o PERSONALIEN

SITTEN In der Burg Valeria foll dieMünz-
fammlung und das Archäologifche Mu-
feum des Kantons Wallis Raum finden. Vor-
her wird das hiftorifch intereffante Baudenkmal
einer gründlichen Reftaurierung unterworfen.
Es handelt fich um Schularbeiten, dann um
Wiederinftandfeßung der verfchiedenen Säle. Die
Reftaurierung wird etwa drei Jahre in Anfpruch
nehmen. J. C.

VENEDIG Nach dem Sturz des Glocken-
turms von San Marco, der das Mahnzeichen gab,
daß in der alten Dogenftadt manches morfdi ge-
worden war, wurde auch die alte S. Giacomo dall’
Orio-Kirche einer radikalen Reftaurierung unter-
worfen, die eben jeßt, nach fiebenjähriger Arbeit
vollendet wurde. Die Kirche ift nach der In-
fchrift eines über der Tür eingemauerten Kreuzes
im Jahre555 gegründet; fpäter, 1125, wurde fie
von neuem aufgebaut, doch bewahrt fie von
ihrem erften Bau noch einige Säulen, darunter
eine mit jonifdiem Kapital, deren Schaft aus
einem Stück fehr fchönen Verdeantico befteht.
Was die jeßigen Arbeiten betrifft, hat man nach
und nach die Rofte und gleichzeitig das Mauer-
werk erneuert. Die Holzdecke, welche in einem
elenden Zuftand war und fo viel zum Charakter
der Kirche beiträgt, wurde mit aller Sorgfalt
reftauriert; fo auch die Apfis. Eine ganz neue
Sakriftei wurde angebaut. Die Arbeiten wurden
von den Ingenieuren AL Ongaro und M. Scolari
geleitet. Br.

ENTDECKUNGEN ♦ FUNDE

FÄNO In der Kirche San Domenico find zwei
Freskenzyklen entdeckt worden, die Umberto
Gnoli dem Ottaviano Nelli aus Gubbio zufdireibt
und demnächft in der Revue de l’Art Chretien
und in der von ihm herausgegebenen Rassegna
d’Arte Umbra veröffentlichen wird. W. B.

LEIPZIG In der hießgen Nikolaikirche hat
kürzlich der fdiwedifche Hiftoriker Felix Lind-
berg bei Nachforfchungen nach der Grabftätte
des in der Nikolaikirche 1643 beigefeßten fchwe-
difchen Generals Erich Schlange eine bisher un-
beachtet gebliebene fteinerne, aber ftark über-
tünchte Chriftusftatue entdeckt, die fich als ein
bedeutfames Denkmal der gotifchen Zeit ent-
hüllt hat und von nicht unbeträchtlichem
künftlerifchen Werte ift. Inwieweit fie als
Glied in die in Sachfen tätige Bildhauerfchule
hineingehört, wird noch zu entfcheiden fein.

PERSONALIEN

ÄÄCHEN Prof. MaxSchmid ift kürzlich der
Titel eines Geheimen Regierungsrates verliehen
worden.

LEIPZIG Max Klinger ift vom Prinz-
regenten der bayerifche Maximiliansorden für
Kunft und Wiffenfchaft verliehen worden.

NEW-YORK Zum Direktor des Metropolitan
Mufeum of Art wurde Edward Robinfon’
bisheriger Affiftent von Sir Purdon Clarke, ge-
wählt. Robinfon ift 52 Jahre alt und hat auch
einige Semefter Kunftgefchichte in Berlin ftudiert.
Er war bisher Kurator und danach Direktor der
Abteilung für das klaffifche Altertum am Boftoner
Kunftmufeum.

PRÄG Der tfchechirche Maler Profeffor Benes
Knüpfer hat fich auf der Fahrt von Fiume nach
Ancona ins Meer geftürzt.

WIEN Am 11. November ift hier der Bankier
Karl Figdor geftorben, der mit feinem Bruder
Dr. Albert Figdor die bekannte Kunftfammlung
begründet hat.

GESELLSCHAFTEN UND
VEREINE

BERLIN In der kunfthiftorifchen Gefell-
fchaft fprach Dr. David über Dürers Tier-
darftellungen. Er betonte, daß Dürer nicht etwa
der Schöpfer des Tierbildes fei, fondern daß der
Meifter E. S., der Spielkartenmeifter und vor
allem Schongauer damit vorangegangen wären.
Sehr intereffant wäre es nun zu beobachten, wie
ftark fich insbefondere der junge Dürer in feinen
Tierdarftellungen an andere Künftler anlehnt.
Der Vortragende erbrachte dafür mehrere Be-
weife, fo zeigte er z. B. an Hand von Licht-
bildern die Vorlage Dürers zu feinem großen
Holzfchnitt, Simfons Kampf mit dem Löwen,
nämlich A'leckenens Kupferftich B. 3., der das
gleiche Thema behandelt. Der Beweis für diefe
Anlehnung Dürers ift mit Sicherheit zu führen,
denn Dürer übernahm eine naturwiffenfchaft-
liche Unmöglichkeit, das Vorhandenfein von je
zwei Eckzähnen im Gebiß des Löwen, getreulich
aus Meckenens Stich. Die bekannte Löwen-
zeichnung der Albertina von 1521 fprach der
Vortragende Dürer ab, die Münchener „Tier-
heße“ ginge nicht unmittelbar auf einen anony-

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