Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EINE PORTRÄTSTUDIE VON VELÄZQUEZ?

Von JOSEPH BHECK

Gegen Ende vorigen Jahres [teilte Mrs. John L. Gardner bei einer halbjährlichen Zu-
gänglichmachung ihrer Privatfammlung zu Fenway Court eine bemerkenswerte Skizze
zu dem Bildnis Innozenz X. von Velazquez aus. Das Gemälde ift etwa 2x3 Fuß
groß und auf fein, doch unregelmäßig gekörnter Leinwand gemalt. Nur Kopf und Bruft
find dargeftellt, hingegen ift von dem Mantel mehr gegeben als in der Vorftudie, die die Ere-
mitage befißt. Hierin wie in anderen Details ift Mrs. Gardners Gemälde materiell überein-
ftimmend mit dem Porträt im Befilj des Duke of Wellington in Apsley House (London),
das jefet, woran ich erinnern möchte, allgemein als Kopie nach Velazquez gilt. Das Bild
bei Mrs. Gardner ift in der Modellierung und Pinfelführung kraftvoller als das Exemplar
in Äpsley House. Seine Farbe ift in warmen roten und braunen Tönen gehalten, mit
feinen Äbfchattierungen in der Farbe des Karnates. Die Malweife ift weder allzu dick,
noch fehr fein auftragend, obgleich die ftarken Lichter ziemlich fchwer aufgelegt find. In
einzelnen Partien ift eine bedeutende Durcharbeitung des Gefichtes wahrnehmbar, die [ich
von der freieren Weife des Bildes in Palazzo Doria unterfcheidet. Äuch die Pinfelführung
ift weniger flüffig als in lefeterem Bilde; fie bezeugt die Sicherheit eines Meifters und zugleich
jenes Suchen nach der endgültigen Form, das für eine vorbereitende Studie charakteriftifch ift.

Diefe Tatfachen, zufammen mit dem unfertigen Mantel, der nicht mit Rot lafiert worden
ift wie das Barett und außerdem die rückfichtslofe Realiftik der Porträtauff affung führen —
vorausgefeljt, daß die Zufchreibung an Velazquez zutrifft — auf die Behauptung hin, daß
wir es mit einer Vorftudie zu dem berühmten Hauptwerke von Velazquez’ zweiter italieni-
fcher Reife, dem Porträt Innozenz X. zu tun haben. Es ergibt [ich alfo unmittelbar die
Frage, ob das Bild bei Mr. Gardner ein eigenhändiges Werk von Velazquez ift oder nicht.
Obgleich ich nicht in der Lage war, das Bild fo genau zu ftudieren als ich gewünfcht
hätte, glaube ich, daß die Umftände eine bejahende Antwort rechtfertigen. Der Technik
nach kann das Gemälde fehr wohl von Velazquez herrühren, und was die Konzeption
anlangt, fo bin ich ficher, daß kein Kopift einer folchen Naturnähe und Kraft der Auf-
faffung fähig gewefen wäre, wie fie die Studie befijjt.

Denen, die nur nach der Reproduktion urteilen, wird zweifellos eine nähere Charak-
teriftik des Kolorites willkommen fein. Im Gefamtton ift es eher orangebraun als karmoifin
wie in dem römifchen Porträt. Der Mantel ift ausgefprochen orangefarbig, mit Glanz-
lichtern in Gelb und Rot, fowie Schatten in Rotbraun. Offenbar war hier eine Art Firnis
vorgefehen, der ihm das glühende Rot gegeben hätte, wie es das ausgeführte Barett zeigt.
Die unteren Partien des Gefichtes wiederholen die orangebraunen Töne des Mantels, ob-
gleich das Rot darin freier gebrochen ift. An der Stirn nähert fich das Kolorit einem
Rotlila. Die Glanzlichter find in Rotorange oder warmem Rofa und Gelb, letzteres be-
fonders auf der Stirn. Die Schatten find rotbraun, leicht grünlich in den tiefften Dunkel-
heiten. Der Kragen graugrün, ebenfo das Haar; der Hintergrund grünliches Schwarz.

Als beinahe objektive Naturftudie ift das Porträt in Fenway Court dem großen Bilde,
zu dem es als Vorftudie diente, vielleicht überlegen. Immerhin entbehrt es als einfaches
Bruftbild der Feinheiten der Kompofition, die in dem ausgeführten Bildnis hinzukamen
und deren fich Velazquez zur Verftärkung des pfychologifchen Eindruckes bediente, fo
z. B. in der Bedeutung, die er der Horizontalen der Stuhllehne gibt, welche nahezu pa-
rallel zur Blicklinie der Augen verläuft und fo gegeben ift, daß fie unbewußt die Blick-
richtung der Augen unterftüfet. Nach allem ift die Studie bei Mrs. Gardner ein Meifterwerk
in feiner Art, und im Falle, daß die Attribution an Velazquez allgemein angenommen
werden follte, eine wichtige Bereicherung feines Oeuvre, da Vorftudien zu Bildern des
Meifters bislang nicht bekannt waren. überfekt von H. VOSS

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