Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES

WIEN Der Oberftkämmerer Leopold Graf
Gudenus wurde zum Mitgliede der k. k. Zen-
tralkommiffion für Erforfchung und Erhaltung
der Kunft- und hiftorifchen Denkmale auf die
Dauer von fünf Jahren ernannt. Dr. Paul
Buberl wurde zum kunfthiftorifchen Äffiftenten
diefer Kommiffion ernannt.

VERMISCHTES

* Ein Londoner Galeriedirektor über
Herrn v. Tfchudis Tätigkeit in der Mün-
chener Älten Pinakothek. Mr. ClaudePhil-
lips, Direktor der Wallace Collection in London,
hat vor kurzem im „Daily Telegraph“ einen fehr
intereffanten Artikel unter dem Titel „Munich
Pictures“ veröffentlicht, in dem er vor allem
Herrn von Tfchudis Tätigkeit in der Münchner
Älten Pinakothek in fehr freundlicher Weife
befpricht. Er handelt zunächft von München
felber als einem „Kunftmittelpunkt, deffen Be-
deutung von Tag zu Tag fteige“, und geht
dann auf die unter Tfchudi vorgenommenen
Änderungen in der Älten Pinakothek über.
Man erwartete, fo fchreibt Mr. Phillips, daß
Tfchudi, diefer Enthufiaft für Fortfehritt undVer-
befferung, die Rolle des Herakles übernehmen
würde, und das hat er denn auch, feiner
eigenen Tradition folgend, von Änfang an
getan. Er hat die durch Älter und allgemeine
Zuftimmung geheiligten Einrichtungen nicht be-
achtet, hat der Stagnation der Provinzfamm-
lungen ein Ende gemacht, und ße plößlich aus
ihrem Schlummer geriffen, indem er völlig un-
erwarteterweife, wenn auch gewiß feiner Rechte,
ihnen einige ihrer beften Bilder entführte. Daß
alles das, fo fährt Phillips fort, nicht ohne
Widerfprüche vor fich ging, Widerfprüche, die
in einigen wenigen Fällen Berechtigung zu
haben fcheinen, ift natürlich genug. Phillips
ftreift dann den Fall des Rubensbildes „Ätalanta
und Meleager“, deffen Seitenteil Tfchudi zu-
rückbiegen ließ, weil fie nicht von der Hand
Rubens ftammten. Phillips führt aus, daß das
Bild, wie es nun zu fehen ift, nicht bloß ganz
von Rubens gemalt fei, fondern auch unzweifel-
haft das Original der Bilder in Dresden und
Bamberg fowie des Stidies von Jan Meyffens
darftelle. Immerhin habe man mit der „Reftau-
rierung“ des Dürerfchen „Paumgärtner Altares“
eine fo üble Erfahrung gemacht, daß man fchon
bei dem Gedanken an folche weitere Taten
zittere. Phillips bedauert den Verluft des großen
dekorativen Wildpretftückes von Jan Weenix,
des großen Ältares von G. de Crayer, des Papft
Nicolaus V. von G. Douffet u. a. Jedoch wögen
die Gewinne der Pinakothek die Verlufte bei

weitem auf. Sodann wirkten die Primitiven
jeßt auf dem weißen Hintergründe ganz be-
deutend ftärker als früher. Nie habe man Rogier
van der Weydens großes Triptychon fo vor-
teilhaft fehen können als jeßt. Dagegen fei das
Arrangement des deutfehen Saales nicht ganz fo
glücklich ausgefallen. Dadurch, daß man das Bild
„St. Mauritius und St. Erasmus“ von Matthias
Grünewald jeßt in Augenhöhe gebracht habe,
dominiere es farbig den ganzen Saal. Die
Dürerapoftel aber, die jeßt zu beiden Seiten der
Pacherbilder aufgehängt feien, litten fehr dar-
unter; fie füllten lieber zu beiden Seiten der
„Kreuzigung“ des Pleydenwurff hängen. Das
Umhängen der Rubensbilder habe Vorteile und
Nachteile mit fich gebracht. Die bedeutendfte
Verbefferung aber weife der Saal der Venetianer
auf, der aus Schleißheim einige wichtige Ver-
mehrungen erhalten habe. Die dem Tintoretto
zugefchriebenen Stücke, militärifche Ereigniffe
aus dem Leben der Gonzagas, ftammten aber
ficher nur aus deffen Schule, wenn fie wohl
auch unter feiner Äufficht ausgeführt worden
feien. Tizians „Ecco Homo“, diefes Wunder-
werk feines fpäten Alters, das nur feiner jeßt in
der Accademia zu Venedig hängenden „Pieta“
nachfteht, habe feine tragifche Größe, feine
fchmerzliche Schönheit niemals vorher fo über-
wältigend zu zeigen vermocht. Ein fchwerer,
wenn auch vielleicht unvermeidlicher Verluft für
diefen Saal fei jedoch das Verfchwinden der
„Anbetung der Könige“ von Tiepolo. Im großen
Saal des 17. Jahrhunderts fei fie völlig verloren.
Von den aus der Augsburger Galerie nach Mün-
chen gefchafften Bildern nennt Phillips den dem
Lionardo zugefchriebenen Frauenkopf „ab-
ftoßend“ und meint, die Äutorfchaft Lionardos
käme dafür überhaupt nicht in Frage; der Kopf
dürfte wahrfcheinlich von der Hand des Äm-
brogio de Predis ftammen. Im Zufammenhang
mit den franzöfifchen Werken wirft Phillips die
Frage auf, warum folche fünftklaffige Stücke wie
das von Goudreau und die zwei von George de
Marees an fo ausgezeichneter Stelle inmitten
befter Werke aufgehängt feien? Diefe Maler
feien in Frankreich felber mit Recht vergeffen.
Die Beifpiele der englifchen Schule feien im
ganzen recht ärmlich. Die dem Richard Wilfon
zugefchriebene Landfchaft (aus der vortfehudi-
fchen Zeit) habe mit diefem Meifter nicht das
geringfte zu tun. Sie follte fchleunigft aus der
Galerie verfchwinden. Ein echter Gäinsborough,
nicht fchön aber außergewöhnldh forgfam in der
Ausführung und ftark in der Charakteriftik, fei
das Porträt des J. Uvedale Price. — Die drei
leßten Neuerwerbungen Tfchudis feien vortreff-
liche Käufe: Grecos „Espolio“, das freilich

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