Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE FAYENCEMÄNUFAKTUR IM DORO-
THEENTHÄL BEI ÄRNSTÄDT

Mit 5 Abbildungen (3 im Text und 2 auf einer Tafel) Von MÄX SAUERLÄNDT
♦ ♦

Uber die eine der beiden fchwarzburgifch-fondershaufifchen Fayencemanufakturen,
die frühere und berühmtere, die Fabrik im Dorotheenthal bei Ärnftadt, hat Wil-
helm Stieda in den Keramifchen Monatsheften III (1903) S. 14 —16 aus der älteren
Literatur1 und aus Ärnftädter Akten dankenswerte Mitteilungen gemacht.

Danach ift die Fabrik zwifchen 1707 und 1720 durch Anton Günthers II. Gemahlin
Augufte Dorothea, die Tochter Anton Ulrichs von Braunfchweig, mit Hilfe braun-
fchweigifcher Dreher und Maler begründet worden. Als „Porzlinmefter“ wird Johann
Philipp Frantj aus Ärnftadt genannt, der „fchon in Braunfchweig bei Eröffnung der
Fayencefabrik feine Hand mit im Spiele gehabt hatte“.2 Troßdem Chriftian Wilhelm,
der Nachfolger Anton Günthers, der Fabrik „am 6. Mai 1720 gewiffe Vorrechte“
erteilte, fah fich die Fürftin, wann wiffen wir nicht genau, zur Verpachtung des
Betriebes veranlaßt. Franß und mit ihm der Faktor Daniel Chriftoph Fleifchhauer
verlaßen im Jahre 1720 den Dienft der Fabrik, von 1703—1722 wird ein Pius Röfel
in den Akten des Ärnftädter Archivs über die Laboranten des Fürften Anton Günthers
als tüchtiger Maler und Glasfchneider genannt, doch fcheint feine Tätigkeit in der
Manufaktur nicht ausdrücklich bezeugt zu fein. Die von Demmin überlieferte Marke
„Pinxit F. G. Hiegel (oder Fliegei) Ärnftadt d. 9. May 1775“ (Graeffe-Zimmermann S. 110)
und die Erwähnung eines Porzellanfabrikanten Bergmann in den Ärnftädter Akten von
1781 — vgl. Stieda a. a. O. — bezeugen das lange Fortbeftehen der Manufaktur.

Dies die Ergebniffe von Stiedas Forfchungen.

Unter den zahlreich erhaltenen thüringifchen Fayencen des 18. Jahrhunderts von
zum Teil recht guter Qualität Erzeugniffe der Dorotheenthaler Manufaktur mit Sicher-
heit nachzuweifen, ift meines Wiffeus bisher noch nicht einmal ernftlich verfucht worden,
wenn man von den ganz belanglofen im Mufeum der Altertumsgefellfchaft zu Ärnftadt
erhaltenen Wandfliefen abfieht — vier Abbildungen bei Stieda a. a. O. — deren ge-
ringe Qualität und Allerweltsdekoration bündige Schlüffe auf andere Stücke zu ziehen
unmöglich machen. Diefer Umftand, wie die Tatfache, daß auf dem wichtigen Gebiet
der thüringifchen Fayencefabrikation überhaupt noch die allergrößte Unficherheit herrfcht,
mag die hier folgende Veröffentlichung einiger Fayencen rechtfertigen, deren Herkunft
aus der Dorotheenthaler Manufaktur nachweisbar ift.

In der Kirche zu Großliebringen3, f. ö. von Stadtilm, befinden fich zwei doppelt-
gehenkelte Vafen von 31,8 cm Höhe mit Blaumalerei. Die Vafen find fchlecht erhalten,
bei beiden fehlt je ein Henkel, bei einer auch noch der glockenförmige Fuß. Diefe
Vafen find für die Dorotheenthaler Fabrik von grundlegender Bedeutung durch aus-
führlichen, bei beiden Stücken gleichlautenden Herkunftsvermerk, der freilich für die
Entfaltung von Ornamenten wenig Raum mehr läßt. Den Hals der Vafen umzieht die

1 Nachzutragen wäre vielleicht noch aus Joh. Fr. Treibers „Gefchlechts- und Landesbefchreibung
des Durchlauchtigften Haufes Schwarzburg“, 2. Äufl., Ärnftadt 1756, die Notiz auf S. 102 über „Das
kunftreidie Dorotheen-Thal, allwo de fchönften Porceilain- Sachen gemachet werden, fo denen
Holländifchen gleich find“.

2 Vgl. Chr. Scherer, Braunfdiweigifches Magazin 1896, S. 41 ff.

3 Vielmehr im Äktenfchrank des Pfarrhaufes. Die beiden Vafen foilen übrigens jeßt einem
fdiwarzburgifchen Ältertumsmufeum überwiefen werden. Leider war es mir — trog wiederholter
Bemühungen — nicht möglich, eine Potographie der Vafen zu erhalten.

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