Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES

VERMISCHTES

Der deutfche Verein für Kunftwiffen-
fdraft verfendet foeben an die Mitglieder einen
Bericht über feine Tätigkeit in den Jahren 1909
und 1910 und lädt gleichzeitig zu der am 29. De-
zember in Dresden ftattfindenden Jahresver-
fammlung ein.

So wenig auch bisher der Verein feit jener
denkwürdigen konftituierenden Tagung in Frank-
furt die Öffentlichkeit befchäftigt hat, fo reich
und vielverfprechend ift doch bereits feine
Tätigkeit im Dienfte der Wiffenfchaft gewefen.
Der Verein zählt zurzeit 793 Mitglieder und
wird hoffentlich, wenn erft die erften Proben
feines auf Taten gerichteten Wollens vorliegen,
noch um ein Bedeutfames wachfen. Diefe Not-
wendigkeit leuchtet doppelt ein, wenn man der
fchweren, aber verdienftvollen Aufgaben gedenkt,
die er fich zunächft zum Ziel gefeßt hat. Als
erfte Vereinsgabe erhielten die Mitglieder im
Jahre 1909 die „zwei Schreibbüchlein des Nik-
laus Manuel Deutfeh von Bern“, deren Heraus-
gabe Paul Ganz in Bafel beforgte und ihr ift
foeben als neue Jahresgabe die von Adolf
Goldfchmidt beforgte Ausgabe der Miniaturen
des Rathaus-Evangeliars in Goslar gefolgt.

Der Bericht gibt einleitend einen Überblick
über wichtige Perfonalveränderungen und an-
fchließend daran über den Stand der Arbeiten,
von denen [ich die erfte über die Handzeichnun-
gen Hans Holbeins d. J., die Paul Ganz beforgt
hat, bereits der Vollendung nähert und dem-
nächft bei Julius Bard in Berlin erfcheinen wird.

Der Beftand des Vermögens beträgt zurzeit
116 773,63 M. — an fich ein beträchtliches Ka-
pital, doch viel zu gering, um auf die Dauer
für die großen Pläne zu genügen, deren Reali-
fierung die nächften Jahre zeitigen Jollen.

Das Wichtigfte aus der derzeitigen Denkfchrift
find die Berichte der Denkmälerkommiffionen.
Paul Clemen gibt einen Überblick über die Ab-
teilung der mittelalterlichen Profanbauten, und
im befonderen über die Kaiferpfalzen, deren
Veröffentlichung vorerft in Äusßcht genommen
war. Zunächft werden aus diefem unermeßlichen
Stoffgebiet die Pfalzen von Aachen, Ingelheim,
Nymwegen, Goslar, Gelnhaufen, Eger, Kaisers-
werth, Wimpfen und Seligenftadt monographifch
behandelt werden, wobei fich im einzelnen die
Notwendigkeit fyftematifcher Ausgrabungen er-
geben hat.

Adolf Goldfchmidt erftattet feinerfeits als Ab-
teilungsleiter einen vorläufigen Bericht über die
Arbeiten bei den frühmittelalterlichen Skulpturen
und fpeziell über die Elfenbeine, deren Publi-
kation er vorbereitet. Auf diefem Gebiete find

die Vorarbeiten bereits erfreulich weit gediehen,
obwohl die Zahl von etwa 1600 Stücken (bis
zum Ende der romanifchen Epoche) das Un-
geheuere des Materials zur Genüge dokumen-
tiert. Indes hat der Bearbeiter den Zweck feiner
Aufgabe fcharf erkannt, der weniger nach der
Publikation des einzelnen Objektes als vielmehr
nach der Zufammenfaffung großer ftiliftifchcr
Gruppen hinftrebt, durch die der Wiffenfchaft
ein unermeßliches Vergleichsmaterial zur Er-
kenntnis dargeboten werden wird.

Als dritter berichtet für die Abteilung der
Miniaturen Wilhelm Köhler über dfe von ihm
vorbereitete Publikation der karolingifchen Mi-
niaturen. Auf diefem Arbeitsgebiet find eben-
falls die grundlegenden Vorbereitungen auf der
Bafis der Handfchriftenkataloge Frankreichs,
Belgiens, Hollands und Weftdeutfchlands erfreu-
lich vorangekommen, doch ift es unmöglich, an
diefer Stelle den gewiffenhaften Darlegungen
des Referenten auch nur andeutungsweife ins
Detail zu folgen. Er verfpricht für feinen näch-
ften Bericht ein ausführliches Verzeichnis der
bisher bearbeiteten Handfchriften.

Von dem Schlußbericht über die Arbeiten bei
der Abteilung der Handzeichnungen, den Paul
Ganz über die Handzeichnungen Hans Holbein
d. J. erftattet, kann hier abgefehen werden, da
diefe Publikation als erfte demnächft vorliegen
wird. Auch über die Dispofition des Unter-
nehmens wird bei anderer Gelegenheit zu fprechen
fein. Alles in allem aber erhellt aus diefem
gründlichen Jahresbericht eine überaus erfreu-
liche und verdienftvolle Arbeitsleiftung, für die
die Wiffenfchaft dem deutfehen Verein heute
bereits Dank fchuldet. Möchte er in feinem
Eifer nicht erlahmen, möchte er neue und hilfs-
bereite Gönner finden, damit das ideale Werk,
das hier zunächft begonnen wurde, auch erfolg-
reich durchgeführt werden kann. G. B.

ÄRLES Der neue franzöfifche Minifter des
öffentlichen Unterrichts Maurice Faure geht mit
der Äbficht um, in der romantifchen Provence
und zwar in Arles felbft, eine neue Kunftfchule
ähnlich der franzöfifchen Akademie in Rom zu
errichten. Wenn überhaupt fchon der Gedanke
einer derartigen Neugründung im Bereiche wün-
fchenswerter Inftitutionen liegt, fo kann man
den Minifter zu der Wahl des Plaßes nur be-
glückwünfchen. Nicht zuleßt in der Kunft van
Goghs hat fich die Provence in ihrer befonderen
Ätmofphäre für das malerifche Äuge ein Denk-
mal gefeßt. Hinzu kommt aber auch, daß hier
der ältefte Kulturboden Frankreichs ift, daß die
großen Hinterlaffenfchaften römifdher Baukunft
zufammen mit der eigenartigen Stimmung des

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