Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHHU — SAMMLUNGEN

RECHENSCHAFTSBERICHT DER
FRANZÖSISCHEN STAÄTSMU-
SEEN FÜR DAS JAHR 1909 Wenn

fich einige Lefer meiner Betrachtungen über die
Verwaltung der ftaatlichen Sammlungen des
Louvre von 1902 bis 1908 erinnern und verfchie-
dene Notizen aus dem franzöfifchen Kunftleben,
die hier im Laufe der Monate veröffentlicht wur-
den, im Gedächtnis behalten haben, fo werden fie
fchon bemerkt haben, daß die fehr hohen Stif-
tungen und Schenkungen, die feit einem Jahr-
hundert dem Louvre zugute kommen, auch in
diefem Jahre nicht in geringerem Maße ftatt-
gefunden haben. Ich fchäßte in meinem in Heft 2
veröffentlichten Äuffaß die jährlichen Stiftungen,
durch die das Louvre fich vergrößert, durch-
fchnittlich auf über eine Million, indem ich nach-
wies, fo exakt es die unvollkommene Statiftik er-
laubt, daß in einem Jahrhundert weit über 100 Mil-
lionen bar und in Wertobjekten gefchenkt worden
find. Der Rechenfchaftsbericht des Präfidenten
der Staatsmufeen-Verwaltung für 1909 gibt
meiner Schäßung unrecht. Erfchien meine Schät-
zung einigen Lefern vielleicht zu hoch gegriffen,
fo zeigen die neuen Tatfachen, daß fie zu ge-
ring war. In das Jahr 1909 fallen Stiftungen und
Schenkungen von rund 25 Millionen Franken.
Diefe phantaftifche Ziffer beweift nicht nur den
enormen Reichtum Frankreichs, fondern vor
allem die edle, ftolze, fchöne und national-
bewußte Gerinnung vieler reicher Franzofen.
Man follte diefen Bericht der franzöfifchen Mu-
feumsverwaltung in allen deutfchen Kunftftädten
in großen Lettern an die Plakatfäulen kleben,
damit die reichen Deutfchen im nationalen In-
tereffe ebenfo großherzig handeln lernen.

In das Jahr 1909 fällt das Vermächtnis Chau-
chard, über das in diefen Blättern bereits be-
richtet worden ift. Seguin vermachte eine halbe
Million Franken, Audeoud 240000Franken jähr-
liche Zinfen, Piet-Lataudrie, Maignan und
Drouet ihre Sammlungen und Geldmittel. Dazu
kommen dann noch eine Reihe von Gefchenken
verfchiedenfter Ärt. Unbegreiflich erfcheint es
dem Fernerftehenden, daß troß diefer enormen
Geldvermächtniffe die Aufteilung der geftifteten
Sammlungen fo übermäßig lange Zeit in Än-
fpruch nimmt. Äuf die Inftallierung der Samm-
lung Chauchard werden die Parifer ficher noch
ein Jahr warten können, während fie vier Monate
nach dem Tode diefes Kunftmäcens fertig fein

rollte.

Die Mufeumsverwaltung verausgabte im Jahre
1909: 567 063 Franken 39 Cent, während fich
das Budget auf 1 008 121 Franken belief. Die

Der Cicerone, II. Jahrg., 18. Heft. 45

Ausgaben find um nicht ganz 100000 Franken
geftiegen gegen 1908 und verteilen fich u. a. (fo
heißt es auch in dem franzöfifchen Rechenfchafts-
bericht, der alfo ungenau ift) wie folgt:

Abteilung der Malerei und Zeich-
nungen . 6 518 fs.

Abteilung der Kunftgegenftände des
Mittelalters, der Renaiffance und

der modernen Zeit.154 000 „

Abteilung der Skulptur des Mittel-
alters, der Renaiffance und der

modernen Zeit. 119 800 „

Abteilung der griechifchen und rö-

mifchen Altertümer. 62 500 „

Abteilung der ägyptifchen Alter-
tümer . 2 200 „

Abteilung der orientalifchen Alter-
tümer und der antiken Keramik . 8 270 „

Cluny-Mufeum. 3 400 „

Mufeum in St. Germain .... 11 500 „

Mufeum in Verfailles. 11 000 „

Luxembourg-Mufeum. 9 000 „

Der Bericht zählt des weiteren außer den
vorhin erwähnten großen Vermächtniffen 38 Per-
fonen auf, die ein oder zwei Kunftwerke fchenkten
und 13 Perfonen und Vereine, die ganze Kol-
lektionen einem der Staatsmufeen überwiefen.

O. G.

AUGSBURG Die Neuordnung derÄugs-
burger Galerie wird, wie in einem Schreiben
des Minifteriums an den Augsburger Magiftrat
zu lefen ift, vorausfichtlich noch im heurigen
Jahre ftattfinden. Die ftaatliche Kunftverwaltung
wird dabei auf „eine Hebung des künftlerifchen
Niveaus diefer Galerie nach Maßgabe der bei
derfelben begehenden befonderen Verhältniffe
tunlichft bedacht fein“.

BERLIN Im KGL. KUPFERSTICHKÄBINETT
ift foeben eine Äusftellung neuer Erwerbungen
eröffnet worden. Aus dem Gebiet der alten
Kunft find verfchiedene illuftrierte Werke von
hervorragender Bedeutung zu nennen, vor allem
das vor kurzem gekaufte Exemplar des außer-
ordentlich feltenen „Monte Sancto di Dio“
von Antonio Bettini da Siena, gedruckt in Flo-
renz im Jahre 1477 als das erfte mit Kupfer-
ftichen illuftrierte Buch von dem deutfchen Drucker
Nicolaus Lorenz. Ferner Johannes de Cyreio,
Collectio Privilegiorum Ordinis Cisterciensis,
Dijon 1491 (I. Druck von Dijon), Frater Hiero-
nymo Maripetro, II Petrarca spirituale (Venedig
1536) mit Holzfchnitten des Meifters B. J., Gio-
vanni Boccaccio Genealogiae Deorum, Venedig

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