Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EIN DEUTSCHES THEÄTERfflUSEUffi

In Nr. 424 des Berliner Tageblattes hat Georg
Biermann, der Herausgeber diefer Zeitfchrift,
unlängft zum erftenmal klar und deutlich Wefen
und Aufgaben eines zukünftigen deutfchen
Theatermufeums fkizziert. Die von ihm ge-
gebenen Anregungen find aufs dankbarfte zu
begrüßen, — denn wenn auch der Gedanke zur
Gründung einer folchen Änftalt fchon feit einiger
Zeit in der Luft lag, fo war er bisher doch ftets
nur in engeren Kreifen diskutiert worden und
hatte noch dazu meift eine falfche Auslegung
erfahren. Die Mehrzahl, der fich überhaupt für
die Frage Intereffierenden ftellt fich unter einem
Theatermufeum gewöhnlich bloß eine Konfer-
vierungs- und Kultftätte mehr oder weniger
zufammenhangslofer und perfönlicher Reminis-
zenzen vor, wo die Erinnerung an denkwürdige
Theaterereigniffe, Aufführungen, an diefen oder
jenen Schaufpieler ufw. gepflegt werden folle
und nur wenigen tritt die erzieherifche Aufgabe,
die kulturelle Miffion ins Bewußtfein, welche
ein derartiges Unternehmen zu erfüllen berufen
ift. Man ftaunt einigermaßen, daß unfere, den
tieferen Wert hiftorifcher Studien längft er-
kannt habende Zeit, diese Miffion fich nicht fchon
lange klar gemacht hat; Gefchichte repräfentiert
ja die Erfahrungen der Menfchheit auf den
verfchiedenften Gebieten und kaum gibt es eines,
wo fo fehr eine jahrtaufendelange Erfahrung
fich als dienlich erweifen könnte, wie beim
Theaterwefen. Gerade heute, wo wir wieder zu
erkennen beginnen, welche Bedeutung dem
Theater zur Steigerung des Lebensgefühles
breiter Maßen und als Nährboden lebendigen
Kunftgefühles zukommt, ift eine zielbewußte
Sorgfalt befonders vonnöten. Und wie bei
fämtlichen anderen Mufeen wäre auch bei einem
Theatermufeum der Hauptzweck mit in der Nutz-
barmachung von methodifch zufammengetrage-
nem Material für das moderne Leben zu fuchen.
Die ihm hiebei in erfter Linie zufallenden Äuf-
gaben hat Biermann in feinem Äuffaß fchon im
Gerippe umriffen, wobei er in voller Erkennt-
nis der Sachlage auf die Beziehungen hinweift,
die zu allen Zeiten, da das Theater in hoher
Blüte ftand, die denbkar engften waren: — die
Beziehungen zwifchen Theater und bildender
Kunft. „Ebenfowenig“, fchreibt er, „wie ein
Kunftgelehrter ohne das Studium der in den
Mufeen vereinigten Denkmäler die Grundlagen
feiner wiffenfchaftlichen Arbeit erlangen kann,
ebenfowenig kann ich mir einen Regiffeur, Dra-
maturgen und guten Darfteller denken, der nicht
von Grund aus fowohl die Gefchichte des The-
aters als auch — und dies ift befonders wichtig

Von MHXIMILIÄN K. ROHE

— künftlerifch die Zeit erfaßt hat, in der die
unfterblichen Werke eines Shakefpeare, eines
Moliere, eines Goethe und Schiller entftanden
find. Wie kann man von einem modernen Dar-
fteller verlangen, daß er zum Beifpiel die Ko-
mödien des Äriftophanes interpretiert, wenn er
nichts weiß von dem fzenifchen Apparat der
Zeit und dem kulturellen Milieu, aus dem heraus
folche Schöpfungen erftanden. Welcher Re-
giffeur könnte wirklich „ftilgerecht“ Moliere in-
fzenieren, ohne die zahllofen zeitgenöffifchen
Kupfer ftudiert zu haben, auf denen die Modelle
der Molierefchen Komödien leibhaftig vor Äugen
ftehen. Neben dem Studium der Typen (für
das italienifche Theater zum Beifpiel bieten
Callot, Quardi, Pietro Longhi und andere mehr
hunderte von Belegen) ift aber auch die Kennt-
nis der Koftümkunde, der Architektur und
des Kunftgewerbes, vor allem der Innen-

kunft ausfchlaggebend —.“

Es wäre ein Leichtes, diefe nur programma-
tifch-andeutendenÄusführungen nodi detaillierter
zu erweitern, aber fchon fo demonftrieren fie
zu Genüge die nicht länger aufzufchiebende Not-
wendigkeit eines Theatermufeums. Daß die Er-
richtung eines folchen aber nicht bloß Forde-
rungen idealen Geiftes, fondern höchft wirtfchaft-
lich-ökonomifchen entfpricht, fei mir im folgenden
geftattet, noch durch zwei fehr konkret liegende
Beifpiele aus der neueren Theatergefdiichte zu
belegen. Seit ein paar Jahren bemüht man fich
in Deutfchland energifch und ernftlidi um die
Reform unferer Szene. Unfer Verlangen nach
vornehmeren, würdevolleren Wirkungen als fie
die Normalbühne uns übermittelt — ein Ver-
langen eingefchloffen in den Wunfch nach Er-
neuerungen unferer gefamten Kunft überhaupt —
hat zur Reformbühne geführt, als deren mar-
kanteren Typ man jeßt wohl allgemein die fo-
genannte Reliefbühne des Miindiener Künftler-
Theaters betrachtet. Zweifelsohne war deren
Schöpfung eine künftlerifdre Tat erften Ranges,
die unferer Zeit alle Ehre macht, fie birgt
aber nichtsdeftoweniger, wie nicht geleug-
net werden kann, einige Mängel, die, troß
der Vorteile, die fie bietet, ihrer allgemeineren
Verwendung hindernd im Wege ftehen. Diefe
Mängel aber hätten fich wohl vermeiden
laßen, wäre es möglich gewefen, fich durdi
Studium an Modellen und Bildwerken, über
Wirkung und Äbficht derjenigen Bühnenform,
oder genauer gefprochen Bühnenformen zu
informieren, die zur Errichtung der „Relief-
bühne“ die erfte Anregung gaben: der antik-
griechifchen Bühne. Wem die Entwicklungs-

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