Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN ° INSTITUTE UND VEREINE

der jüngeren Generation geworden ift. Modern
in feinen Schilderungen von allgemeinen und
Ruhezuftänden der Natur ift, daß er die Ruhe
nicht durch große Konturen darftellt, fondern
durch die im Gefamtbild einer Landfchaft ruhenden
Farbßächen, die gegeneinander kontrahierend die
Linie fchaffen. Die energifche Konfequenz feiner
Methode verbot Jhm jemals eine Fläche mit einer
Linie zu begrenzen; er wollte die Linie nur in-
direkt erreichen. Äber er war fich auch feiner
menfchlichen Unvollkommenheit bewußt und fah
felbft die Verzeichnungen, die manche feine Bilder
ftören, gegen die feine Methode aber machtlos
war. In feinen Stilleben und Landfehapen fcheint
Chardins und Delacroixs Geift verjüngt wieder-
erftanden zu fein. Diefe mächtige Änftrengung
zur Überwindung des Impreffionismus ift bei
Vallotton, der in der Galerie Druet hundert Bilder
vereinigt hat, nicht wahrzunehmen. Er geht um
den Impreffionismus herum, ift blind gegen alles,
was der Impreffionismus gelehrt hat.ziehttrockene,
harte Konturen und pinfeit die Flächen gleich-
förmig an. Die ftärkfte Wirkung feiner Bilder
ift nicht eine äfthetifche, fondern geht vom Motiv
aus, von den fich in allen Stellungen entwickeln-
den Frauenakten. Die beften Arbeiten find die
ganz farblofen, in denen die Konturen weicher
erfcheinen und die fo als Zeichnung gewinnen.

Ein unbedeutender Nachfolger der Impreßio-
niften, Ä. Lunois, hat eine Äusftellung von 117
Gemälden, Gouachen, Lithographien und Zeich-
nungen in der Galerie Ällard veranftaltet.

Im Grand Palais wurde mit ftaatlicher Unter-
ftüßung eine anregende Äusftellung von Plänen
und Modellen von Einfamilienhäufern und bil-
ligen Möbeln im modernen Stil (Zimmer von
250—600 fs.) veranftaltet, die leider nur geringen
Erfolg hatte.

Über die Äusftellung des Salon d’Hiver im
Grand Palais verdient nicht berichtet zu werden;
denn diefer Salon ift ein rein gefellfchaßliches
Ereignis.

Die Societe nationale des beaux-arts wird im
Mai im Schloß Bagatelle unter dem Titel „Les
enfants“ eine Äusftellung von Kinderbildniffen,
-fpielen und -kleidern von 1789—1900 veran-
ftalten. O. G.

ROM Aller Wahrfcheinlichkeit nach wird unter
den im Programme der nächftjährigen Jubiläums-
ausftellung inÄusficht genommenen Spezialaus-
ßellungen auch die archäologifche unterbleiben.
Der Hauptgrund ift die Plaßfrage. Denn die
dafür in Äuspcht genommenen Diocletiansthermen
werden bis 1911 ficher nicht von den An- und
Zubauten geräumt fein. L. P.

INSTITUTE UND VEREINE

FLORENZ Am 12. Januar fand im kunft-
hiftorifdien Inftitut die jährlich fich wiederholende
„italienifche“ Sißung ftatt. Zunächft gedachte
Profeffor Dr. Brockhaus zweier Toten, Heinrich
von Geymüllers und des um das Inftitut hoch-
verdienten Ern ft von Mendelfohn, um dann
Herrn Ä. Socini, soprintendente ai monumenti,
das Wort zu erteilen, der wichtige Mitteilungen
über die Baugefchichte des Domes von Siena
machte. Darauf fprach Giovanni Poggi über
den alten, 1731 abgebrochenen Hochaltar des
Florentiner Baptifteriums, der vor feiner Zer-
ftörung glücklicherweife von Anton Francesco
Gori in allen feinen Teilen gewiffenhaß gemeffen
und zeichnerifch aufgenommen wurde. Goris
Zeichnungen und Maße machten es möglich,
faft alle Stücke des alten Hochaltars im Museo
dell’Opera, fowie im Paviment des heutigen
Chors im Battiftero wieder aufzufinden, fie festen
weiter den Architekten Caftellucci in den Stand,
den Hochaltar getreu zu rekonftruieren. Vor
diefer in natürlicher Größe angefertigten Rekon-
ftruktion erörterte Poggi die Frage der Ent-
ftehungszeit des damaligen Hochaltars. Mit Er-
staunen erfuhr man, daß es pch nicht um eine
Arbeit des Quattrocento, fondern um ein Pro-
dukt der Toskanifchen Vorrenaißance handelt,
und fand den Irrtum derer, die einige der im
Museo dell'Opera bewahrten Fragmente für Teile
der Cantoria Luca della Robbias gehalten hatten,
durchaus verzeihlich. Poggi wies nach, daß der
Altar im erften Viertel des 13. Jahrhunderts ent-
ftanden fein müße, und fchloß mit der Hoßnung,
daß die Dom-Opera fich entfchließen möge, das
ehrwürdige Monument wieder auf feinem alten
Plaße aufzurichten. Profeßor C. Hülfen legte
zwei Blätter des Codex des älteren Giuliano di
San Gallo, mit deßen Herausgabe er befchäßigt
ift, vor, nämlich die Zeichnungen des Grund-
rißes und der Chornifche des Battiftero, die Poggis
Ausführungen voll beftätigten. Profeßor R. Da-
vid f oh n fprach zunächft über zwei mittelalter-
liche Inventare des päpftlichen Schaßes, dann
über Ehrenftatuen der neapolitanifchen Könige
aus dem Haufe Anjou in Rom, Piacenza, Lu-
cera und Neapel. Wohl die intereßantefte Mit-
teilung machte Conte C. Gamba. VonÄlbertini
und Vafari, führte Gamba aus, wird ein Altar-
bild Andrea del Caftagnos in der Kirche S. Mi-
niato Fra le Torri erwähnt, von dem Baldinucci
eine ausführliche Befchreibung gibt. Das heute
für verfdhollen geltende Bild (teilte die Äßunta
und die Heiligen Miniatus und Julianus dar und
war nach Urkunden, die O. H. Giglioli in der
Rivifta d’Ärte (1905, p. 89) publiziert, 1449—1450

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