Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

moderne Freilichtbilder mit moderner, fehr prä-
tentiöfer kunftge werblicher Dekoration zufam-
menzuordnen, endgültig als mißglückt anzufehen
fein. B—m.

AUSSTELLUNGEN

BERLIN Bei CÄSSIRER gibt es eine van Gogh-
ausftellung, die 52 Gemälde und etwa 20 Zeich-
nungen vereinigt. Über van Gogh ift auch an
diefer Steile anläßlich der zahlreichen deutfchen
Ausheilungen, die das deutfche Publikum mit
den Werken des Meifters vertraut machen füll-
ten, genug gefagt worden, um einen nur kurzen
Hinweis auf die gegenwärtige Darbietung zu
rechtfertigen. Jedem Verehrer van Goghs wird
die Caffirerfche Ausftellung großen Genuß be-
reiten, in der eine reiche Zahl abgerundetefter
Werke des Künftlers zu pnden ift. Neben pracht-
vollen Landfchaften wie dem grandiofen „Feld
mit Mohnblumen“ ftehen einige farbig wie
zeichnerifch gleich lapidare Bildniffe, darunter
ein packendes Selbftbildnis van Goghs in blauem
Kittel und gelbem, leuchtendem Strohhut und
das farbenfprühende Porträt eines franzöfifchen
Ofpziers mit rotem Käppi. Die Zeichnungen
fcheinen mir die Kunft des Holländers nicht voll
zu erfchöpfen, gerade jene gewaltigen Land-
fchaften aus der Umgegend von Arles z. B., in
denen der Künftler über der weiten Ebene die
taufendfältige Pracht eines Sonnenunterganges
mit den dürftigen Mitteln des Schwarz-Weiß
aufs Überzeugendfte zum Ausdruck gebracht hat,
fehlen vollkommen. Bei GURLITT ift eben eine
Gedächtnisausftellung für den Landfchafter Louis
Gurlitt (1812—1897) eröffnet worden, die meift
feine älteren Arbeiten umfaßt, Landfchaftsbilder
aus Dalmatien, Italien, Griechenland ufw., Ar-
beiten von größter Sorgfalt und Feftigkeit der
Zeichnung und einer etwas zähen und luftlofen
Farbengebung, die gelegentlich an Rottmann
und Waldmüller erinnert, aber deren faftigen
Glanz und ftarke leichte Wirkung niemals er-
reicht. Eine zweite Kollektion führt Werke
Albert von Kellers aus verfchiedenen Schaffens-
zeiten des Künftlers vor. Nur wenige vermögen
uns durch pikante Koloriftik oder eine gewiffe
Eleganz der Erfcheinung über die gähnende
innere Leere und ein mit jedem Effekt koket-
tierendes, unangenehmes Pathos hinwegzutäu-
fchen. SCHULTE bringt eine Gedächtnisaus-
ftellung für Paul Hoecker und beweift damit die
gänzlich phgfiognomielofe, von einem Rezept
zum anderen fchwankende Tendenz eines Genre-
malers, wie es ihrer genug gegeben hat. Ein
kleines Bild „Meine Mutter“ fteht in feiner ein-

fachen , fchlichten Ehrlichkeit und der klaren
Modellierung ganz fremd unter der Fülle des
Schlechten. Eine wahre Erquickung find da-
gegen die Arbeiten von Hans Beatus Wieland,
der mit folcher bäuerlichen Frifche und Gerad-
heit die Schönheit der winterlichen Berge fchil-
dert, die blauen Schatten auf den Schneefeldern
und den Sonnenglanz auf weißen Bergeszacken,
daß man ihnen aus diefen Gründen manches rein
künftlerifche Manko nachfieht. Auch ein großes
Bild „Die Fahnenfchwenker“ fowie eine luftig
und feftlidh dekorierte Älpendorfftraße (viva la
Grifcha!) find als derbfarbige, kraftvolle Kompo-
fitionen recht erfreulich. Neben ihnen fieht Jofeph
Oppenheim mit fchwächlichen, aber unternehmend
nichtsfagend hergerichteten Porträts ebenfo dürf-
tig aus wie Friß Oßwald mit gut gemeinten,
aber fehr mäßigen Landfchaften. Auf ein paar
entfchieden gefchmackvolle Blumenftücke Th.
Hümmels foll verwiefen werden. Der Reft ift
fchlimmer. Bilder wie die von Theodor Winter
und Hans Huber erreichen auch nicht die unterfte
Grenze, die eine Kunftausftellung einhalten muß.
— Bei Friedmann & Weber im HOHEN-
ZOLLERNKUNSTGEWERBEHAUS fieht man
mit aufrichtiger Freude eine vom Deutfchen
Mufeum für Kunft in Handel und Gewerbe zu
Hagen i. W. veranftaltete Überficht, die fich
„Kunft und Kaufmann“ betitelt. Das heißt, es
foll gezeigt werden, welcher künftlerifchen
Mittel fich der moderne Kaufmann im Gefchäfts-
leben bedienen kann. Künftlerifch vorbildliche
Zeitungsankündigungen, Plakate, Briefbogen,
Warenmarken ufw. find hier in gefchmackvoller
Weife vereinigt, keine Entwürfe, fondern fertige,
bereits im Verkehr befindliche Sachen. Unter
ihnen finden fich Arbeiten von Peter Behrens,
Lucian Bernhard (der auch hier als einer unferer
vornehmften Plakatkünftler erfcheint), Ehmke,
Ludwig Hohlwein, Heinrich Wieyenk und an-
deren. Ganz reizend find auch die Packungen
der Barmer Kunftgewerbefchule, Klaffe Schneid-
ler, fowie die Kartonnagen, die F. H. Ehmke
und Klara Ehmke entworfen haben. J. Sievers.

BERN Die Sektion Bern der fog. Sezeffion,
einer freien fchweizerifchen Künftlervereinigung
(deren Namen allerdings mehr Modernes ver-
fpricht als ihre Mitglieder größtenteils zu halten
vermögen oder beabfichtigen), hat im KUNST-
MUSEUM eine Ausftellung veranftaltet, bei der
die Gäfte fehr zu Worte kommen. Auch diefe
Äusftellung vermittelt wieder den Eindruck, daß
fich bei der „Sezeffion“ nur wenige — und
kaum die leitenden — Künftler einen bleibenden
Plaß behaupten. Es feien hier Namen genannt
wie der originelle Frank Behrens; Ernft Hodel,

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