Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VON FRIEDRICH DEM GROSSEN NEU IN AUF-
TRAG GEGEBENE MEISSENER PORZELLANE

Von ERNST ZIMMERMÄNN

Rokoko und Porzellan find immer als etwas Untrennbares zufammen empfunden wor-
den, fo fehr, daß bekanntlich einft Gottfried Semper nicht übel Luft hatte, jenen Stil
geradezu aus diefem Materiale herzuleiten. So ift es kein Wunder, daß Friedrich der Große,
der Erbauer des Rokokojuwels in Potsdam, auch zeitlebens ute ganz befonders reges
Intereffe für die fchöne Kunft des Porzellans befeffen hat, wahrfcheinlich weil er in ihm,
fo wie es fich um die Mitte feines Jahrhunderts ihm darbot, die ganze Heiterkeit und
Grazie wiederfand, die er fonft auf dem Gebiete der Künfte vor allem an den Erzeug-
niffen des ihm so fgmpathifchen franzöfifchen Volkes zu fuchen pflegte. So war er in
diefer Beziehung ganz Kind feiner Zeit, die das Porzellan über alles liebte.

Dies Intereffe Friedrichs des Großen für das Porzellan hat fich bekanntlich durch zweierlei

dokumentiert: einmal durch das Be-
ftreben, auch in feinem eigenen Lan-
de die Porzellaninduftrie gleich fo
vielen Mitregenten feiner Zeit ein-
zuführen und feft zu begründen —
hier freilich mögen doch wohl in
erfter Linie rein ökonomifche Gründe
die Haupttriebfeder gewefen fein —
dann in den ftarken Erwerbungen
der beften Erzeugniffe der damali-
gen europäifchen Porzellaninduftrie,
denen von Meißen, nach deren Be-
fiß damals wohl jeder fürftliche Hof-
halt geftrebt hat, die aber in reicher
Fülle zu erwerben, für ihn hat nur
eine rein äfthetifche Angelegenheit
gewefen fein kann. Freilich, die
wechfelsvollen Schickfale feines be-
wegten Lebens haben ihm diefe
Erwerbungen leicht genug gemacht,
da fie ihn nur zu oft mit der Meiße-
ner Manufaktur in die engfte Verbindung gebracht haben. Es war, wie man weiß, die
politifche Gegnerfchaft des durch den Grafen Brühl während der Kämpfe gegen Öfter-
reich völlig irregeleiteten Sachfens, die Friedrich den Großen mehrfach nach Dresden ge-
führt hat. Im längften diefer Kämpfe, dem fiebenjährigen Kriege, hat er dort längeren
Aufenthalt genommen und häufig die Manufaktur in Meißen befucht. Wie er fich
während diefer ganzen Zeit der berühmten Anftalt gegenüber, auf die Sachfen da-
mals fo ftolz war, verhalten hat, hat Beding auf Grund des auf dem Hauptftaatsarchiv
zu Dresden befindlichen Aktenmaterials in feinem Werke über das Meißener Porzellan in
den Hauptzügen gefchildert. Es geht aus feiner Darftellung hervor, daß Friedrich, ganz
im Gegenfatz zu den bisherigen Anfichten, fie zunächft durchaus wohlwollend behandelt,
daß er fie aber im übrigen, wie das ganze Land Sachfen überhaupt mit dem Rechte des
Eroberers für eine gute Einnahmequelle gehalten hat, durch deren Beihilfe er weiter gegen
ihren rechtmäßigen Befißer und deffen Verbündeten zu kämpfen ftrebte. Kontributionen

Rbb. 1. Terrine aus dem 1762 von Friedrich dem Großen
beftellten und zum Teil eigenhändig entworfenen
„Veftunenfervice“ Krefeld, Kaifer Wilhelm-Mufeum

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