Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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FÄYENCEN HUF DER VESTE COBURG

Mit 4 Abbildungen

Von HOBEBT SCHMIDT

Äus älterem herzoglichen Befitj befindet [ich in den reichen Sammlungen der Vefte
. Coburg ein Fagencegefäß in Form eines Doppeladlers (Abb. 1), deffen Deckel
durch das Oberteil mit den beiden Köpfen gebildet wird. Die Maffe ift ein fehr heller
graugelblicher Ton; die weiße, helle Glafur unter dem Fuß gelblich und verlaufen. Der
ganze Körper ift mit unter Glafur gemalten blauen Federn bedeckt; das Blau nicht zu
kräftig und etwas krifelig. Auf der Bruft des Tieres liegt in hohem Relief ein Wappen
auf; diefes, fowie die Köpfe mit den Kronen und die Füße find mit Gold, roter und
fchwarzer Lackfarbe fchreiend bemalt. Diefe Malerei hat ficherlich in neuerer Zeit eine
Äuffrifchung erfahren, wenn fie auch — wie fpäter erörtert werden foll — durch eine
alte Bemalung legitimiert ift. Die
Richtigkeit des aufgemalten Wappens
wird durch die reliefierten Teile der
Helmzierrate beftätigt, und zwar ift
es das Wappen der Familie von
Khünburg (Kuenburg). Die Höhe des
Adlers beträgt 33,7 cm, der untere
Durchmeffer 11 cm. Das Deckelteil
ift, befonders an der Rückfeite, mehr-
fach zerbrochen, doch find alle Teile
vorhanden.

Diefes eigentümliche Ädlergefäß
fteht bisher in der Gefchichte der
Keramik völlig allein; es befißt je-
doch einige fehr nahe Verwandte in
der Gruppe der fieben Fagenceeulen,
die Masner im Jahrbuch des Schief.

Mufeums für Kunftgewerbe und Alter-
tümer Bd. II S. 100 ff. einer ein-
gehenden Erörterung unterzogen hat.

Zweifellos ftammen alle diefe Stücke
aus einer Werkftatt. Die Lokalifie-
rung ift jedoch vorläufig noch frag-
lich; während Masner — ohne fich
feft zu entfcheiden — befonders aus
heraldifchen Gründen an eine füd-
weftdeutfche Provenienz zu denken
fcheint, hat Walter Stengel in den
Mitteilungen des Germanifchen Mu-
feums 1908 (S. 27 und 78) — nach
Richtigftellung mehrerer Wappen-
fragen — die Hgpothefe eines mehr
öftlichen Urfprungs aufgeftellt, und
die Eulenwerkftatt mit Auguftin Hirfch-
vogel in Nürnberg in Zufammen-
hang gebracht. Ja, er möchte viel-

Äbb. 1. Fayence-Doppeladler,
deutfch 1550—1560

Coburg, Vefte

Der Cicerone, II. Jahrg., 20. Heft. 48

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