Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SCHLESISCHES ZINNGERÄT MIT GE-
ÄTZTEM UND GEGOSSENEM DEKOR

Mit 4 Abbildungen (2 im Text und 2 auf einer Tafel) Von ERWIN HINTZE, Breslau

Die fchlefifchen Zinnarbeiten der Renaiffance fchließen fich in Form und Verzierungs-
weife vorwiegend der Eigenart des norddeutfchen Zinngerätes an, charakterifiert
durch fchlichte und einfache, meift handwerklich behandelte Gefäßformen, deren fchmückende
Zutaten in Gravierung und gelegentlicher Beigabe von Meffingaußagen beftehen. Doch
wie jede Regel ihre Ausnahmen hat, fo fehlt es auch dem fchlefifchen Zinngerät nicht an
vereinzelten Beifpielen der Beeinßußung durch füddeutfches Edelzinn. Schießen hatte
durch feine ehemalige Zugehörigkeit zu Öfterreich, durch feine Bifchöfe und feinen Handel
zu viel Beziehungen zu Süddeutfchland, als daß diefe ganz ohne Einwirkung auf feine
kunftgewerbliche Produktion bleiben konnten. Die Hafnerkeramik, das Goldfchmiede-
handwerk und nicht minder die Möbeltifchlerei liefern dafür mannigfache Belege. Im
Bereiche des Zinngießergewerbes äußert fich nun diefer fremde Einßuß nicht in der Bil-
dung der Gerätformen, denn hierbei haben die fchlefifchen Zinngießer auffallend kon-
fervativ an den während der Gotik in ihren eigenen Werkftätten entwickelten Traditionen
feftgehalten; er kommt vielmehr faft ausfchließlich in der gelegentlichen Nachahmung einiger
fpezififch füddeutfcher Verzierungstechniken zum Ausdruck.

Die älteften Beifpiele hierfür verdanken wir einem erft kürzlich gemachten Funde. Im
Oktober 1909 wurden bei Steinau a. d. Oder neben mehreren, durch Hammerfchläge ver-
zierten fpätgotifchen Zinntellern aus der Werkftatt des Kannengießers A. P. in Freyftadt N.S.
auch fechs Plattenteller mit geästem Dekor zutage gefördert. Von diefen gelangten
fünf nach Breslau in das Schlefifche Mufeum für Kunftgewerbe und Altertümer, ein fechfter,
ftark befchädigter kam in das Depot der Zinnfammlung des Leipziger Kunftgewerbe-
mufeums. Sämtliche Stücke haben die Geftalt vollkommen planer, runder Scheiben von
24,5 bis 25,5 cm Durchmeßer. Mit fchwachem Walzendruck ift nur ein etwa 3,3 cm
breiter Rand und im Fond ein Mittelftück von ca. 7,5 cm Durchmeffer durch Anränderung
abgegliedert. Die Ornamente, Wappen, Initialen und Jahreszahlen find zunächft mittelft
eines Pinfels mit Abgrund aufgemalt worden. Danach erfolgte durch Äßwaßer die leichte
Vertiefung des die Zeichnung umgebenden Grundes. Die wie eingraviert erfcheinende
Innenzeichnung der Ornamente ift durch Ausradieren desAßgrundes mit Hilfe einer Nadel
und nachfolgender Aßung bewirkt. Die Technik des Dekors entfpricht demnach den meiften
aus Süddeutfchland und Tirol bekannten Beifpielen für geäßtes Edelzinn.

Bei fünf Exemplaren der bei Steinau gefundenen Platten mit Aßdekor find im Fond
je zwei Wappen angebracht, das derer von Rechenberg und das derer von Glaubiß, alfo
von zwei Adelsfamilien, die viele Generationen hindurch in Niederfchlefien anfäßig ge-
wefen find. Drei Täfelchen über den Wappen enthalten die Initialen FVR beziehungs-
weife FHVR(echenberg) und KVG beziehungsweife KG(laubiß), fowie bei zwei Tellern
die Jahreszahl 1551, bei zwei anderen 1552; die Datierung des fünften Tellers ift nicht
mehr zu erkennen. Bordüren mit Frührenaißance-Laubwerk füllen die Tellerränder. Die
Zeichnung der Ornamente ift bei allen Stücken verfchieden. In drei Fällen befteht fie in
großzügigen Wellenranken mit breitem Blattwerk. Bei einem Teller füllen den Rand neun
Paare von gegenftändig geordneten lyraförmigen Laubvoluten mit dazwifchen gefeßten
gekreuzten Stäben, bei einem anderen ift der Rand durch zehn Kreife mit gotifchem Orna-
ment gegliedert; die dazwifchen liegenden Bogenfelder enthalten Blätter mit verkreuzten
Stielen. Überall find, wie es ebenfalls in Süddeutfchland und Tirol gebräuchlich gewefen,
zwifchen die Ornamente punktartige Tupfen eingeftreut. Eine Zutat aus etwas jüngerer

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Der Cicerone, Il.Jahrg., 14. Hefl. 36
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