Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DENKMALPFLEGE

Büchner, Vilma von Friedrich, Jofef Rappa und
Carl Rappa.

Unter nahezu taufend ausgeftellten Arbeiten
zählt man einige vierzig gute. M. K. R.

DENKMALPFLEGE

DER CÄMPÄNILE VON PISÄ

Die alarmierenden Nachrichten über die Sta-
bilität des fchiefen Turmes, die durch die
gefamte Preffe Europas verbreitet worden find,
veranlaßten kürzlich einen der beften Kenner
der Kunftdenkmäler Pifas, Igino Benvenuto
Supino, die wichtige Frage von der hiftorifchen
Seite aus zu behandeln.1 Ohne auf alle Einzel-
heiten der Arbeit Supinos einzugehen, wollen
wir doch die Hauptergebniffe derfelben kurz
zufammenfaffen. Der Bau des Turmes be-
gann im Jahre 1173. Von diefem Zeitpunkt
bis zum Jahre 1234 haben wir keine Nachrich-
ten über den Campanile. Der im Jahre 1234
neu ernannte Operaio des Domes legt folgenden
Eid ab: „quod solliciter et intentus ero in repa-
ratione dicte ecclesie et in hedificatione
campanilis eidem ecclesie secundumpossibili—
täte dicte opere“. In ähnlicher Weife fchwört
der 1270 und der 1272 ernannte Bauleiter. Im
Jahre 1298 maß Giovanni Pifano gemeinfam
mit dem Steinmeßen Guido di Maestro Giovanni
und dem Zimmermann Orfeolo mit einem Senkblei
die Neigung des Turmes. Vafari erzählt in der
Vita des Andrea Pifano, daß deffen Schüler
Tommafo die Kapelle des Campofanto und das
oberfte Gefchoß des Campanile mit dem Glok-
kenftuhl vollendete. Die alte Streitfrage der
Gelehrten, an welchem Punkte die beiden erften
Erbauer Bonanno und Guglielmo den Bau
aufgaben, und ob die Neigung des Turmes von
den erften Architekten beabfichtigt oder durch
Senkung des Erdreiches unter den Fundamenten
verurfacht worden ift, verurfacht Supino end-
gültig zu beantworten. Wenn der Operaio des
Domes 1234 verfpradi, für den Weiterbau des
Campanile Sorge zu tragen, fo geht daraus
hervor, daß der im Jahre 1173 begonnene Bau
noch nicht allzu weit gediehen war und das
Schweigen der Urkunden während diefes langen
Zeitraumes läßt Supino darauf fchließen, daß
eine Unterbrechung eingetreten fei, die er auf
die befondere Befchaffenheit des Erdreiches
unterhalb der Fundamente zurückführt, das die
unerwartete und unbeabfichtigte Senkung verur-
facht habe. Kleine Wafferläufe, die fich immer
wieder von neuem ihren Weg um die Bafis des
Turmes und durch feine Subftraktionen bahnten,

1 Marzocco, Florenz, 17. Juli 1910.

haben fchon in alten Zeiten zu Vorfichtsmaß-
regeln Anlaß gegeben, aber erft im Jahre 1573 ent-
fchloß man fich zu einer radikalen.Maßregel: Man
fchuf einen zementierten ringförmigen Graben
rings um den Turm, der das Waffer abfangen
und weiter leiten füllte. Giovanni Pifano hat
nach Anficht Supinos wahrfcheinlich das Verdienft,
den von den erften Erbauern liegen gelaffenen
Bau durch Verstärken der Fundamente und
durch eine geniale Korrektur der Säulen und
des Mauerwerks weiter geführt zu haben.
Jedenfalls sah der Turm im Jahre 1384 fo aus,
wie heute; das ergibt ein Blick auf das Fresko
des Antonio Veneziano im Campofanto, das
die Überführung der Leiche des heiligen Rainer
darftellt.

Über die technifche Seite der Frage orien-
tiert uns das Gutachten der Gelehrtenkommiffion,
die fich feit zwei Jahren mit den ftatifchen und
geologifchen Unterteilungen des Campanile und
feiner Umgebung befchäftigt. Die Bohrverfuche
in der Erde wurden mit größter Vorficht in der
Mitte des Turmes und am Rande der Funda-
mente unternommen. Sie ergaben, daß die
Letzteren nur 3,6 m tief find und in der Breite
nur dem feften Mauerkern des Turmes entfpre-
chen. Das Erdreich, auf dem die gewaltige
Maffe des Gebäudes aufruht, ift zum Teil fumpßg
und zum Teil fandhaltig. Ein weiteres Ergeb-
nis der Unterteilungen ift, daß die Neigung des
Turmes feit den Meffungen durch die englifchen
Architekten Edward Crefy und G. L. Taylor
vom Jahre 1829 um 20 cm zugenommen hat.
Falls der nicht fehr zuverläffige Rohault de
Fleury richtig genießen hat, fo betrug im Jahre
1859 die Neigung noch 7 cm weniger als nach
den leßten Unterteilungen, die Prof. Pizzetti
ausgeführt hat, und die eine Neigung des Tur-
mes von insgefamt 3,26 m ergaben. Durch den
Ingenieur Cuppari find die Wafferläufe unter
dem Campanile unterfucht worden. Von Süden
nach Norden, alfo im Gegenfinne zu der Neigung
des Turmes, zieht fich die Quelle, die fchon in
alten Zeiten zu Beforgniffen Veranlaffung ge-
geben hat. Die Frage, ob die Neigung des
Turmes gleichmäßig zunimmt, oder ob elemen-
tare Urfachen, wie das Erdbeben von 1846 oder
unvorfichtige Eingriffe, wie die 1839 erfolgte
Ableitung der unterirdifchen Gewäffer in eine
benachbarte Zifterne eine plößliche Zunahme
der Neigung bewirkt haben, kann nicht ent-
fchieden werden, da die älteren Meffungen meift
nicht zuverläffig genug find und die neueren
Unterteilungen einen zu geringen Zeitraum
umfaßen. Der Bericht der Kommiffion, der er-
fahrene Fachleute wie die Profefforen Mario
Canavari und Paolo Pizzetti, der Architekt

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