Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EIN UNBEKÄNNTES JUGENDWERK DES

VELÄZQUEZ Mit einer Tafel

Das an und für [ich nicht allzu umfangreiche Oeuvre des Velazquez ift in den lebten
Jahren durch die Zuweifung verfchiedener, bisher als Arbeiten des Meifters geltende
Werke an Juan Bautifta del Mazo nicht unbeträchtlich verkleinert worden. Was, ge-
wiffermaßen als Erfaß, von bisher verfchollenen Gemälden des Velazquez in jüngfter
Zeit wieder aufgetaucht ift, ftammt meiftens aus der früheften Periode, den Sevillaner
Lehrlingsjahren des Künftlers und befißt weit mehr rein kunfthiftorifches als künft-
lerifches Intereffe, fo der hl. Petrus in der Sammlung Beruete, das nicht über jeden
Zweifel erhabene Mufikantenftück des Kaifer Friedrich-Mufeums in Berlin, von dem
fich eine Replik in fchweizerifchem Privatbefiß befindet, fowie die „Purisima“ und der
„Evangelift Johannes“ in Londoner Privatbefiß.

Aus der Madrider Periode aber zwifchen 1623 und 1629 bleiben nach wie vor

einige Stücke verfchollen, die ficher mit zu den intereffanteften Schöpfungen des

Künftlers aus jener Zeit gehörten, fo das Porträt feines Gönners und Freundes Fonfeca
und das erfte große Reiterbildnis Philipps IV. Jenen Madrider Jahren nun dürfte ein

Gemälde angehören, das vor einiger Zeit in den Befiß des Marques de la Vega

Inclän gelangt ift: das lebensgroße Bruftbild eines jungen Geiftlichen.

Das Porträt zeigt ganz die Eigenheiten des Meifters in jenen Jahren: die Neigung
zu ftarker Plaftik, die Präparation auf braunrotem Grund, der dann ftark mit einem
grauen, leicht nach olivgrün gehenden Ton gedeckt ift, die bräunlichen Schatten, die
grau-grünlichen Reflextöne in den belichteten Fleifchteilen, die keck aufgefeßten höchften
Lichter. An der Autorfchaft des Velazquez bei diefem Werk dürfte nicht zu zweifeln
fein. Auch der bekannte Velazquezbiograph D. Aureliano de Beruete hält das Bild
für eine eigenhändige Arbeit des Meifters. Will man die Zeit des Porträts genauer
fixieren, fo darf man wohl behaupten, daß es um 1625/26 entftanden ift, jedenfalls
noch vor dem Porträt des jungen Edelmannes in der Münchner Pinakothek.

Über die Perfönlichkeit des Dargeftellten läßt fich leider nichts beftimmtes fagen.
Vielleicht war der junge Geiftliche ein Freund des Künftlers, am Ende ein Landsmann.
Allem Anfchein nach ging er nicht ganz in Andachtsübungen auf, denn feinem Aus-
druck, vor allem feinen Augen nach zu fchließen, ift er ein recht vergnügter Gefell
gewefen, und während der Porträtfißung mag mehr als ein kräftiges andalufifches
Wißwort gefallen fein. Äug. L. Mager.

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