Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DENKMALPFLEGE o PERSONALIEN

fuchten und fpielerifchen Zügen. Eine Auswahl
zum Teil fchon bekannter Bücherzeichen über-
rafcht immer wieder durch den Reichtum von
originellen Einfällen. Der Zyklus von Radie-
rungen „Der Stierkampf“ zeigt Geigers Vir-
tuofität in der pikanten Wiedergabe momen-
taner Bewegung. Wenig bedeutend fdieint mir
die Folge „Verwandlungen der Venus“ (wohl
durch Rieh. Dehmels gleichnamiges Epos an-
geregt); inhaltliche wie formale Unklarheiten
treten hier ftörend hervor, ja felbft von derber
Gefchmacklofigkeit (fo in Nr. 26 „Venus Pan-
demos“) weiß ßch Geiger nicht frei zu halten.
Von einer neuen Seite zeigen denKünftler fünf
Kopien nach berühmten Porträts von Velazquez
und eine Kopie nach Goyas bekleideter Maja
im Prado.

Willi Nowak, ein junger Prager Maler,
tritt meines Wiffens hier zum erftenmal an die
breitere Öffentlichkeit. Ein derzeit noch un-
felbftändiges Talent ift unverkennbar. Bei
jedem diefer Bilder glaubt man fremde Vor-
bilder hindurchzufpüren. Die Wahl diefer Vor-
bilder läßt vielleicht Gutes für die Zukunft er-
hoffen; Cezanne und feine Schule fcheinen vor
allem eingewirkt zu haben. Bei zwei Land-
fchaften hat van Gogh Pate geftanden. Im all-
gemeinen fehlt es Nowaks Bildern an Farbig-
keit; gedämpfte graue Töne überwiegen.

Kurt Rathe.

DENKMALPFLEGE

FLORENZ Die Wiederherftellungsarbeiten an
der Vorhalle der ehemaligen Templerkirche S.
Jacopo in Campo Corbolini in Via Faenza
find beendigt. Die Vorhalle, deren Rundbögen
von achteckigen Säulen getragen werden, und
deren rohe Holzgitter der Kirche den volkstüm-
lichen Namen „Chiesa dei Cancelli“ verfchafft
haben, präfentiert fich jegt in ihrem urfprüng-
lichen Zuftande und an die Stelle des Holzgitters
ift ein fchmiedeeifernes Gitter mittelalterlichen
Stiles getreten. Der hohen Expropriationskoften
wegen mußte das Ufficio Regionale leider darauf
verzichten, den aus fpäteren Zeiten ftammenden
oberen Aufbau über der Halle zu befeitigen,
der die Faffade der Kirche mit einem fchönen
Biforafenfter der Befichtigung entzieht. Der
intereffante gotifche Bau, der in feinem Inneren
Kunftwerke von hohem Werte befifet, foll dem-
nächft wieder dem Kultus geöffnet werden.

W. B.

LUCCÄ Kürzlich hat die Eröffnung der alten
Kirche San Francesco, die jahrzehntelang als
Militärmagazin gedient hatte, ftattgefunden. Die

Opera Pia di Terra Santa erwarb den alten
Bau vor einigen Jahren vom Staat gegen eine
Entfchädigung von 87000 Lire und ließ ihn fol-
gerecht wiederherftellen. Die Biforafenfter der
Kapellen, das Triforafenfter des Chores und die
während der Arbeiten aufgedeckten Fresken aus
der Werkftätte des Benozzo Gozzoli, wahrfchein-
von Zanobi Machiavelli, find wiederhergeftellt
worden. W. B.

PERSONALIEN

MÜNCHEN Die Kunftwiffenfchaft hat den
Verluft zweier junger Gelehrter zu beklagen:
Dr. Kurt Bertels, der kurze Zeit auch Mit-
inhaber der Verlagsbuchhandlung R. Piper & Co.
war und bekannt als Verfaffer der in der Samm-
lung „KIaffifcheIlluftrationen“erfchienenen Bände:
„Goya“ und „Daumier“ ift kürzlich auf einer
Reife in Korfu geftorben und dort begraben.
Dr. Andy Pointner, Verfaffer einer Mono-
graphie über Ägoftino di Duccio ift kürzlich in
Ragufa auf einer Studienreife vom Tode ereilt
worden.

PETERSBURG Im Alter von 68 Jahren
verfchied Archip Iwanowitfch Kuindfhi,
einer der bedeutendften ruffifchen Landfchafts-
maler der älteren Generation. Kuindfhi war
ein Schüler feines nähern Landsmannes, des
Mariniften Äjwafowski, und bei ihrem Erfcheinen
in den fiebziger Jahren des vorigen Jahrhun-
derts machten feine Landfchaften geradezu
Epoche durch die für jene Zeit kühne Freilicht-
behandlung, durch ihren großen, dekorativen
Zug und ihren effektvollen Kolorismus. Die
beften diefer Bilder befinden fich in der Moskauer
Tretiakow-Galerie. P. E.

ROM Am 26. Juli ift in Paris im Älter von
81 Jahren der allen Ältertumsforfchern bekannte
große römifche Sammler Graf Gregor Stro-
ganoff geftorben. Im lebten Winter hat der
Graf die in Rom lebenden Gelehrten Dr. Ludwig
Pollak (für die Antiken) und Dr. Antonio Munoz
(für das Mittelalter und die neuere Zeit) mit
der Äbfaffung eines großen Werkes über feine
Sammlung beauftragt. Es ift zu wünfehen, daß
die Erbin, Fürftin Scherbatoff, die Fortfe1}ung
diefer Publikation verfügt, damit fo das An-
denken des früheren Befiljers und das ganz
eigenartige Milieu der Sammlung felbft feft-
gehalten wird.

SCHWEIZ Albert Anker, einer der po~
pulärften Schweizer Künftler, ift am 16. Juli zu
Ins im Älter von faft 80 Jahren geftorben. Anker,

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