Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES ° LITERATUR

im Garten des Schloffes Bellevue am Großen
Stern zu errichten. Ebenfo ein Entwurf der
auf der Städtebauausftellung zu fehen war:
darnach follte die Oper an der Ecke derKönig-
gräßer- und Lenneftraße (in der Nähe des
Goethedenkmals am Rand des Tiergartens findet)
entftehen, in der Ächfe einer von der Wilhelm-
ftraße her durchzulegenden Verlängerung der
Behrenftraße. J. Sievers.

CÄPRESE Am 11. September wird vor dem
Geburtshaufe Michelangelos ein von Ärnaldo
Zocchi modelliertes Standbild des Meifters ent-
hüllt werden. B.

* Im neueften Heft der Zeitfchrift für bildende
Kunft veröffentlicht Guftav Glück (Wien) einen
Äuffaß „Die angebliche Verftümmlung
eines Rubensfchen Bildes und die Auf-
gaben der Galeriebeamten“, der fidi mit
der Verkleinerung des Rubensfchen Gemäldes
„Meleager und Ätalante“ befaßt, die Tfchudi
in der Münchner Pinakothek vorgenommen hat.
Dem Äuffaß find fünf Illuftrationen beigegeben.
Wie fchon der Titel des Äuffaßes erkennen läßt,
kommt Glück zu dem Ergebnis, daß Tfchudi mit
vollem Recht das Format des Bildes änderte.
Die umgefchlagenen Seitenteile feien falfch. An
ihnen verlieren wir nichts; denn fie haben weder
mit Rubens noch mit feiner Werkftatt etwas zu
tun. Er kommt damit zu dem gleichen Refultat
wie es der Cicerone bereits vor Wodien von
ebenfalls kompetenter Seite aus präzifiert hat.

LITERÄTUR

* The Mond Collection. Als ein unver-
gleichliches Denkmal auf die hohe Kultur eines
modernen Sammlers ift foeben bei John Murray
in London das von J. P. Richter bearbeitete
Werk üher die berühmte Sammlung erfchienen.
Es umfaßt zwei voluminöfe, in echtes Schweins-
leder gebundene Bände, die reich mit Tafeln
durch feßt find, während ein befonderer präch-
tiger Tafelband auf 41 großen Heliogravüren
die Meifterwerke der Sammlung für fich ver-
einigt. Über den Wert der vom Herausgeber
geleiteten wiffenfchaftlichen Arbeit wird von
berufener Seite in den Monatsheften für Kunft-
wiffenfchaft zu fprechen fein. An diefer Stelle
genügt der Hinweis auf die in ihrer Art vor-
bildliche Publikation, die nicht nur die Erinne-
rung an den vor noch nicht langer Zeit ver-
dorbenen Dr. Ludwig Mond literarifch fefthalten
wird, fondern die ebenfo fehr als Ausdruck
feiner markanten Perfönlichkeit gewertet zu
werden verdient.

* Soeben erfchien der erfte Halbband des
Münchner Jahrbuchs der bildenden Kunft,
das Ludwig von Buerkel mit Hugo von
Tfchudi, Hans Stegmann und Paul Wolters her-
ausgibt. (Verlag von Georg D. W. Callwey.
Preis br. 10 M.)

Das Heft bringt eine Reihe bemerkenswerter
Beiträge, die nur zum Teil mit München und
der dortigen Kunftpflege etwas zu tun haben.
Wir erwähnen einen Artikel von Johannes Sieve-
king über die Griechifche Bronzeftatuette eines
Mädchens aus dem Münchner Antiquarium, einen
folchen von L. Zottmann über die Gemälde in
der S. Michaelshofkirche, ferner den fehr be-
merkenswerten Auffaß von Herrn. Naffe über
die Sammlung Wilhelm von Biffing. Besonderes
Äuffehen aber dürfte der Artikel des Wiener
Kunfthiftorikers Alois Grünwald über einige
unechte Werke Michelangelos (richtiger hätte Gr.
fagen follen: „fälfchlich M. Ä. zugefchriebenen
Werke“) machender die bereits früher entbrannte
DebatteüberdenGiovannino des Michelangelo
wieder aufnimmt und diefes Werk einem bislang
wenig beachtetenKünftler, Domenico Pieratti,
zuzuweifen verfucht. Ähnlich werden auch die
Ergänzung des antiken Bacchustorfos der Uf-
fizien und der Sterbende Adonis im National-
mufeum zu Florenz Michelangelo abgefprochen.
Den erfteren foll 1590 Giovanni Caccini er-
gänzt haben, wobei fich der Autor auf ver-
fchiedene unbeachtete Notizen eines Florentiner
Schriftftellers Cinelli ftüßt. Für das leßtere Werk
nimmt er den wenig genannten Vincenzio de’
Roffi inÄnfpruch. Übrigens hat Bode bereits in
feinem Werk „Florentiner Bildhauer der Re-
naiffance“, II. Auflage, auf den von Grünwald
angeführten Giovannino des Boboli-Gartens hin-
gewiefen und die Statue, die er als geringe Imita-
tion des Giovannino bezeichnet, fogar abgebildet
(Nr.168), wie er ebenfalls fchon den Verfuch unter-
nommen hat, Klarheit in die Perfönlichkeiten aus
der Nachfolge M.s zu bringen. Wie einem Brief an
den Herausgeber diefer Zeitfchrift zu entnehmen
ift, begrüßt Bode die Arbeit Grünwalds als den
erften gründlichen Verfuch, in das Chaos der
Michelangelo-Schüler auf Grund der vorhande-
nen Überlieferungen und durch vorfichtige Kritik
der erhaltenen Arbeiten Ordnung zu bringen. Es
bleibt der Forfchung gerade nach diefer Seite hin
noch eine gewaltige Arbeit. Ihren Anfang be-
zeichnet der Äuffaß des Münchner Jahrbuchs.

Den leßten Teil des Bandes füllen die Be-
richte aus den verfchiedenen Münchner Samm-
lungen, unter welchen fich der von Georg Habich
über antike Münzen, Gemmen und Renaiffance-
Medaillen befonders heraushebt.

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