Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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FÄLSCHUNGEN RÖMISCHER KÄISER-

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MÜNZEN Mit 6 Abbildungen auf einer Tafel / Von MÄX BERNHÄRT

Die Jagd nach dem Befitj ift mit dem Menfchen auf die Welt gekommen und
mit dem Gelde das Streben, die Münze zu fälfchen. In der älteften Zeit, in der
die Münze noch ein Werterfaß, ein Taufchmittel war für gelieferte Gegenware, fuchte
man fie zu imitieren, indem man einen fogenannten Münzkern aus wertlofem Metall,
meift aus Kupfer, herftellte und diefen mit einem edleren Metall, größtenteils mit Silber
überzog. Solche antike Fälfchungen begegnen uns nicht feiten, fie verdienen auch als
wirklich antike Stücke in Sammlungen aufbewahrt zu werden. Als fpäter die Münze
ihren Wert als Taufchmittel verlor und nur mehr als Pfand, als Kreditware dem Ver-
kehr diente, da wuchs mit dem Unterfchied zwifchen Metall- und Kurswert des Geldes
das Unwefen der Fälfcher. Diefe Nachbildungen aber follen im Folgenden keine Berück-
fichtigung finden, ich zähle diefe Gattung von Falfifikaten als antik zu Originalen, die
keiner Sammlung antiker Münzen unwürdig find. Anders verhält es fich mit den Nach-
bildungen, die in derZeit der Renaiffance und in der Folge gegoffen und geprägt wurden
und die, fei es mit oder ohne betrügerifche Abficht der die Originale nachbildenden
Künftler, heute für echt ausgegeben werden. Nicht alle imitierten Kunftwerke find zum
Zwecke der Täufchung von Sammlern und aus rein materiellen Gründen gefertigt, ich
erinnere nur an die berühmte Paduanerfchule, deren Hauptmeifter Valerio Belli, Giovanni
Cavino und Alleffandro Baffiano mit folchem Raffinement insbefondere römifche Groß-
bronzen imitierten, daß wir heute noch troß der größten Vorficht fehr gut nach-
gebildete Stücke für antik anfehen können. Man wird vielleicht über diefe Behauptung
die Achfeln zucken und dem Beurteiler nicht genügende praktifche Vorbildung zum Vor-
wurf machen, aber mit Unrecht; ein Beifpiel foll das zeigen. In einer bedeutenden, viel-
befuchten deutfchen Münzfammlung liegt feit mehreren Jahren eine Paduanergroßbronze
des Kaifers Vitellius mit trefflichem Schrötling und ausgezeichneter Patina. Noch niemals
wurde die Echtheit diefer Münze, auch nicht von den berufenften Kennern und Fach-
männern angezweifelt, obwohl beftimmte Provenienzangaben die Geburtsftätte der Münze
nach Padua verlegen. Es ift bekannte Tatfache, daß diefe Paduaner Nachbildungen nicht
eigentliche Fälfchungen fein füllten, die in betrügerifcher Weife für Originale an den Mann
zu bringen waren, fondern fie hatten lediglich den Zweck, das Studium der Antike wieder
zu beleben und aus diefer ihrer Beftimmung erklären fich auch die oft inAuffaffung und
Ausführung nicht ftreng an das antike Vorbild fich haltenden (Abb. 1—4), fondern bis-
weilen dem Kunftgeift der Renaiffance entfprechenden, vornehmlich figürlichen Darftel-
lungen der Münzreverfe. Auch in der Behandlung der Kaiferporträts halten fich die ober-
italienifchen Meifter nicht immer ganz getreu an das Original. Die Halsmuskulatur ift oft
über die Natürlichkeit ftark zum Ausdruck gebracht, der Halsabfchnitt zeigt in der Linie
nicht diefelbe Ruhe, der Schrötling ift meiftenteils dünner und die Buchftaben find fchlanker
und wohlgeordneter als auf den antiken Vorbildern (Abb. 5). Außer der gleichzeitigen
Fälfchung und der gänzlichen Neuanfertigung von Falfifikaten, gibt es noch eine dritte
Art der Münzfälfchung: Die Bearbeitung eines antiken Originales, die mittels Meißel und
Stichel Münzlegenden und Porträts in allen möglichen glaubwürdigen und unwahrfchein-
lichen Variationen fchaffen kann. So ift z. B. auf einer fehr häufig vorkommenden Münze
des Gordianus III. die Legende GORDIANVS PIVS in GORDIANVS AFR, womit die bei
Cohen mit 120 frs. Wert notierten Stücke umfchrieben find, umgewandelt. Auch das Porträt
wird je nach dem Bedürfnis, bisweilen mit großem Gefchick, geändert, indem beifpielsweife
der Bart des Marc Aurel für den des Pertinax oder Septimius Severus zugefchnitten wird. Die

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