Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE SÄMMLUNG SCHNÜTGEN IN KÖLN

Mit 12 Abbildungen Von G. E. LÜTHGEN

Äm 14. Äpril 1906 fchenkte der bekannte Kölner Sammler Domkapitular Prof. Dr.

• theol. et phil. Alexander Schnütgen feine bedeutende Sammlung, die bei ihrer
Eröffnung am 26. Oktober 1910 weit über 10000 Gegenftände umfaßte, der Stadt
Köln. Die Stadt errichtete ein eigenes Mufeumsgebäude, nach den Entwürfen des
Kölner Architekten Branflky. Die ganze Anlage des Gebäudes, das fich als ein Er-
weiterungsbau des Kunftgewerbe-Mufeums darftellt, erfährt feine charakteriftifche Note
dadurch, daß die einzelnen Räume in Rückficht auf die Kunftwerke, die fie aufzunehmen
beftimmt waren, geftaltet werden konnten. Die hiftorifchen Formen der Architektur,
mit modernem Geift durchtränkt, auf eine glückliche Monumentalität geftimmt, ent-
behren nicht einer gefchloffenen, intimen Wirkung, die noch gefteigert wird durch die
Verwertung von Bauteilen aus alten Kölner Patrizierhäufern, durch alte reich bemalte
Decken, durch eine kraftvoll gefchni^te Wendeltreppe.

Der Eindruck der Eigenart diefer Sammlung wird oftmals durch die ftark perfön-
lich anmutende Löfung def Raumfrage gefteigert, der befondere Reiz, der die Privat-
fammlung vor der öffentlichen auszuzeichnen pflegt dadurch, daß die Perfönlichkeit
des Sammlers fich in der Auswahl und Zufammenftellung der Gegenftände prägnanter
offenbaren kann, ins helle Licht gerückt.

Daß es fich hier um eine Privatfammlung, und zwar um eine der bedeutendften
europäifchen handelt, geht nicht, wie das fonft üblich, aus der Vorliebe für einzelne
hervorragende Stücke hervor, fondern vielmehr aus der ftraffen Gefchloffenheit ihres
fyftematifchen Ausbaus. Nur ein durch ein feftes Ziel beftimmter, fich über Jahrzehnte
hin erftreckender Sammeleifer ermöglichte es, eine folche Zahl von Entwicklungsferien
liturgifcher Gegenftände und verfchiedenartiger Techniken zufammenzuftellen. Das ge-
famte Kirchengerät der Sammlung wird durch die eine Tendenz beftimmt, die einzelnen
Gruppen in gefchloffener Entwicklungskette vorzuführen. Das einzelne kunftgewerb-
liche Erzeugnis, von wie hoher künftlerifcher Bedeutung es auch fein mag, erhält
feinen kunfthiftorifchen Wert durch die vorhergehenden und nachfolgenden Stücke der-
felben Art.

Von diefen Serien feien einige hervorgehoben: Die Entwicklungsgefchichte des Kru-
zifixes wird in etwa 200 Kreuzdarftellungen von den erften koptifchen Kreuzchen bis zu
den in Materialprunk glänzenden Darftellungen des Rokoko vorgeführt, der Madonnen-
typus in feiner Wandlung vom romanifchen Stil bis zur Spätgotik in liickenlofer Folge,
und weiterhin bis zum 17. Jahrhundert dargeftelit, dann die Entwicklung der Kopf-
reliquiare in der Gotik der Kölner Schnißerfchule, die der Armreliquiare des rheinifch-
weftfälifchen Kunftkreifes vom Romanifchen bis zum Rokoko. Eine Kollektion von
Johannesfchüffeln zeigt die Umwandlung des ideal flilifierten gotifchen Kopftypus in die
realiftifche, das Graufig-Schreckliche betonende Formgebung der fpäteren Zeit.

Von einzelnen kirchlichen Gebrauchsgegenftänden der Goldfchmiedekunft finden fleh
gefchloffene Entwicklungsreihen der Kelche, Monftranzen, Reliquienbehälter und Leuchter
fowie charakteriftifche Zufammenftellungen von Weihrauchfäffern, Weihrauchfchiffchen
und Meßfchellen. Und die überreiche, etwa 3000 Stücke umfaffende Stofffammlung
zeigt die Entwicklung der liturgifchen Gewandung vom 11. bis 19. Jahrhundert in einer
Vollftändigkeit, die fich auf alle Formen erftreckt.

Neben diefen Serien finden fich andere, die fich durch Gleichheit und Eigenart der
Technik zufammenfchließen. An die umfangreiche Sammlung gepreßter und ge-

Der Cicerone, II. Jahrg., 24. Heft. 60 827
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