Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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PORZELLANFIGUREN ITALIENISCHER
KOMÖDIANTEN UND IHRE VORLAGEN

Mit 9 Abbildungen (3 im Text und 6 auf 1 Tafel) Von CHRISTIAN SCHERER

Zu den volkstümlichften und beliebteften Figuren der Porzellanplaftik des 18. Jahr-
hunderts gehörten ohne Zweifel die bekannten Typen der italienifchen Stegreifkomödie,
der fog. commedia dell’ arte. Es gab damals wohl kaum eine deutfche Porzellanfabrik,
in der nicht die eine oder andere diefer Figuren, zumeift jedoch eine mehr oder minder
umfangreiche Folge derfelben, angefertigt worden wäre. Sie bildeten gewiffermaßen einen
feften Beftandteil im Modellvorrat einer jeden Fabrik und zählen bekanntlich auch heute
noch zu den gefuchteften und kultur- wie kunftgefchichtlich intereffanteften Schöpfungen
der Porzellanplaftik jener Zeit.

Wenn man nun auch angefichts der großen Volkstümlichkeit, deren fich die italienifche
Komödie damals noch zu erfreuen hatte, annehmen darf, daß auch die Masken derfelben,
wenigftens nach ihrer äußeren Erfcheinung, überall bei Jung und Alt bekannt und alfo
auch den Modelleuren der Porzellanfabriken vollkommen vertraut gewefen fein müßten,
fteht doch feft, daß die letzteren ihre Figuren nicht immer unmittelbar nach dem Leben,
d. h. fo, wie fie ihnen auf der Bühne oder bei den zahlreichen Hof- und Volksfeftlich-
keiten entgegentraten, zu modellieren, fondern daß fie, wie in fo vielen anderen Fällen,
fo auch hier wieder häufig Stiche und Radierungen als Vorlagen zu benußen pflegten.
So hat fchon E. W. Braun, dem wir bereits fo manchen wertvollen Beitrag zu diefer Frage
verdanken, den Nachweis geführt,1 daß der größte Teil der in den 30er und 40er Jahren
des 18. Jahrhunderts in Meißen entftandenen italienifchen Komödianten2 auf die Stiche
von Joullain in dem bekannten, 1730 zu Paris erfchienenen Werke Riccobonis „Histoire
du theätre Italien“ zurückgeht, und ein weiteres, wegen der Verftecktheit der benutzten
Quelle befonders lehrreiches Beifpiel diefer Art möchte ich im folgenden etwas eingehender
behandeln.

Ich gehe dabei aus von einer dem ftädtifchen Kunftgewerbemufeum zu Leipzig ge-
hörigen Figur eines Pierrot, der in einem weitkrempigen weißen Hut und weißen Anzug
in etwas fteifer, aber fehr charakteriftifcher Haltung dafteht, wobei er den Zeigefiger der
Linken wie ängftlich zögernd und unentfchloffen an den leicht geöffneten Mund gelegt
hat, während die gefenkte Rechte eine Peitfche hält (Äbb. l).s Die 0,151 m hohe Figur,
ein durch die Marke gefichertes Erzeugnis der Klofter Veilsdorfer Manufaktur, ift zwar
durch ihr Koftüm, wie wir es u. a. aus verfchiedenen Bildern Watteaus kennen, genügend
gekennzeichnet, doch dürften die Gebärde der Linken ebenfo wie die Peitfche in der
Rechten nicht ohne weiteres aus der Figur allein, fondern erft dann verftändlich werden,
wenn man fich die leßtere in einer ganz beftimmten Situation, wie fie fich nur im Zu-
fammenfpiel mit anderen Figuren ergibt, vorftellt. Schon diefe Beobachtung dürfte ganz
von felbft auf die Vermutung führen, daß die Figur aus einer zufammenhängenden fzeni-
fchen Darftellung herausgeriffen oder vielmehr, daß fie irgendeiner, auf einem Bilde oder
Stiche dargeftellten Komödienfzene entnommen worden fei. Ein glücklicher Zufall fpielte
mir nun vor kurzem ein Kupferwerk in die Hände, das im Jahre 1729 zu Augsburg im

1 Kunft und Kunfthandwerk IX (1906) S. 429.

2 Zwei davon abgebildet bei Braun a. a. O. S. 437 (mit ihren Vorlagen) und verfchiedene
andere bei Berling, Das Meißener Porzellan, Taf. 12.

:i Eine Abbildung der Figur auch im Cicerone 1 (1909), S. 85, fowie in dem kürzlich erfchienenen
Werk von R. Graul und Ä. Kurzwelly, Ältthüringer Porzellan (1909), Taf. 56, 2. Die Figur hält
jedoch keine Pritfche, wie es hier in der Befchreibung heißt, fondern eine Peitfche, deren Schnür-
ende auf dem Boden fichtbar ift.

Der Cicerone, II. Jahrg., 8. Heft. 20

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