Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DAS FRANKENTHALER KRÖNUNGSGE-
SCHIRR VON 1790 Von E. HEUSER

DerKurfürft von Pfalz-Bayern, Karl Theodor, fchickte—wie natürlich auch die anderen
Kurfürften — im Jahre 1790 eine Gefandtfchaft zur Kaiferwahl nach Frankfurt a. M.
Die Erwählung des neuen Kaifers, Leopolds II., fand dort am 30. September, die Krönung
am 9. Oktober ftatt. Die Gefandtfchaften der Kurfürften waren fchon im Juli in Frankfurt
eingetroffen, um die Wahl vorzubereiten. Die pfalz-bayerifche Gefandtfchaft führte bei
ihrem mehr als zweimonatlichen Aufenthalt in Frankfurt Tafel nach drei Rangftufen. Für
alle drei Tafeln hatte die pfälzifche Porzellanfabrik Frankenthal dasGefchirr, und für die
erfte Tafel auch den üblichen Figurenfchmuck zu liefern. Das Prunkporzellan für die
oberfte Tafel wurde auf Beftellung in der Fabrik nach befonderer Vorfchrift angefertigt
und bemalt. Diefe Tatfache ergibt fich aus den Akten der Manufaktur.1 Es mußte über
Hals und Kopf in der Fabrik gearbeitet werden, damit das Krönungsporzellan rechtzeitig
nach Frankfurt abgehen konnte; Überftunden wurden eingerichtet und auch an Sonn- und
Feiertagen ruhte die Arbeit nicht, wie der kurfürftliche Fabrikkommiffär, Regierungsrat
Geiger, der drängenden Regierung einmal berichtete. Das zum Gebrauch der erften Tafel
„der kurpfalz-bayerifchen Gefandtfchaft bei der Römifchen Königswahl“ beftimmte Gefchirr
erhielt eine befondere Ausftattung durch Malerei, die in den Akten wie folgt angegeben
ift: „Tafelgefchirr mit einem grauen Vafen en medaillon mit Changeant-Einfaffung,
Blumengehäng mit Band umwunden, den Rand mit grauer Bordüre und Gold bemalt.“
In diefer Weife wurden alle Gefchirrteile wie Platten, Teller, Schüffeln, Komponieren,
Salzgefäße ufw. ausgeftattet, mit der grauen Vafe en medaillon allein das Kaffegefchirr
und die Kremebecher. Zum befonderen Schmuck der erften Tafel dienten die mitgelieferten
Figuren, teils bemalte, teils Biskuitfiguren. Die Rechnung der Fabrik für Gefchirr und
Figuren zur erften Tafel betrug 2741 Gulden 30 Kreuzer, fodann für eine Nachlieferung
noch 480 Gulden 12 Kreuzer. Zur zweiten und dritten Tafel war von dem bekannten,
nach Meißner Vorbild blau unter Glafur gezierten Gefchirr (mit dem fog. Strohblumen-
mufter) genommen worden. Das Frankenthaler Porzellan der erften Tafel diente auch bei
der kurfürftlichen Fefttafel am Krönungstage felbft, weshalb man es kurz das Krönungs-
gefchirr nennen darf. Nach der Kaiferkrönung wurde alles eingepackt und wahrscheinlich
nach München gebracht.

In fpäterer Zeit foll fich das Krönungsgefchirr im Haushalt des Fürften Löwenftein-
Wertheim befunden haben, wohin es als Gefchenk Karl Theodors oder feines Nachfolgers
Maximilian Jofeph gekommen fein mag. Nachdem fich da das eigenartige Gefchirr im
Laufe der Zeit durch Bruch an Zahl der Stücke wohl sehr verringert hatte, fcheint der
Reft durch die fürftliche Verwaltung als unbrauchbar und unmodern veräußert worden
zu fein. Als dies gefchah, wußte man vielleicht fchon gar nichts mehr von der erften
denkwürdigen Beftimmung diefes Porzellans. Heute trifft man kaum mehr bei Sammlern
oder Händlern ein Stück des Krönungsgefchirrs an. Der größte Teil, der davon über-
haupt noch vorhanden ift, befindet fich im Hiftorifchen Mufeum der Pfalz zu Speyer, wo
es auf Grund der Aktenkenntnis gefammelt wurde. Es find runde, ovale und gefchweifte
Platten, ferner Teller, Butterdofen, Salzgefäße, Taffen u. a., insgefamt 25 Stück.

Die Bemalung des Krönungsgefchirrs im Speyerer Mufeum zeigt fich gleichmäßig wie
folgt: Im Spiegel eines Tellers, einer Platte oder auf der Leibung eines Gefäßes ift eine
ovale Kartufche angebracht, worin eine Vafe famt Deckel von der klaffiziftifchen Form

1 Kreisardiiv Speyer, Kurpfalz 999—1001.

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