Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHAU — SAMMLUNGEN

DIE KÖNIGLICH SÄCHSISCHEN
SAMMLUNGEN Auch das Jahr 1909 ift,
gleichwie die Vorjahre des lebten Jahrzehnts,
für die Bereicherung der Königlich Sächfifchen
Sammlungen kein günftiges gewefen; die noch
immer notwendige vorfichtige Finanzgebarung
des Landes übte ihre Wirkung auch auf die
Bewilligung von größeren Summen aus Staats-
mitteln für die Vermehrung des ftaatlichen
Kunftbefißes. Soweit die Gemäldegalerie in
Frage kommt, wirkte hierbei auch die Tatfache
mit, daß im Vorjahre in Dresden keine große
Kunftausftellung ftattfand. Die Mittel der Pröll-
Heuer-Stiftung wurden infolgedeffen überhaupt
nidit in Änfpruch genommen. Äus Staatsmitteln
find für die Gemäldegalerie drei Kunftwerke
erworben worden, erfreulicherweife recht be-
deutende, für die Entwicklung der Kunft im
19. Jahrhundert bezeichnende. Charaktervoll für
die Frühzeit des franzöfifchen Impreffionismus
ift Claude Monets „Seineböfchung“, und ebenfo
wichtig für die Frühzeit der primitiven Stim-
mungsmalerei des erften Drittels des 19. Jahr-
hunderts erfcheint das von Caspar David Fried-
rich gemalte Bild „Großes Gehege bei Dresden.“
Das dritte der neuerworbenen Gemälde ift eine
Landfchaft des verftorbenen Walter Leiftikow
„Kleiner Wannfee“.

Etwas günftiger als die Gemäldegalerie fchnitt
in bezug auf Neuerwerbungen das Kupfer-
ftichkabinett ab. Hier gab vor allem die
Verweigerung der Sammlung von Lanna er-
wünfchte Gelegenheit, eine Reihe von Lücken
in den Werken der alten Meifter, vor allem der
deutfchen des 15. und 16. Jahrhunderts, auszu-
füllen. Insgefamt wurden 1213 Einzelblätter
und 62 Titelwerke erworben. Die Einzelblätter
feljen fich aus 632 Kupferftichen, 219 Holzfchnitten
und 121 Steindrucken, die Titelwerke aus 22
Werken des Kunftdrucks und 40 mit photome-
chanifchen Nachbildungen zufammen. Unter den
Werken von Meiftern des 15. Jahrhunderts be-
finden fich neben Holz- und Schrotfchnitten, die
unbefchrieben find, Kupferftiche vom Meifter
des h. Dionys, von Martin Schongauer, Meifter
LCz, Meifter FVB, Wenzel v. Olmüß und Israhel
von Meckenem; von Meiftern des 16. Jahrhun-
derts wurden neu erworben Kupferftiche und
Holzfchnitte von Älbrecht Dürer, Holzfchnitte von
Hieronymus Graff, Monogrammift G Z, Hans von
Kulmbach, Leonhard Schäufelein, Hans Weidiß,
Hans Baidung Grien, Hans Burgkmair, Leonhard
Beck, Lucas Cranach d. Ä., Lucas Cranadr d. J.,
Michael Oftendorfer, Kupferftiche von Älbrecht
Ältdorfer, Sebald Beham, Jacob Binck, Heinrich
Äldegrever, Ällaert Claes, Hans Sibmacher u. a.

Äus dem 17. und 18. Jahrhundert find Arbeiten
von Goltzius, Callot, Heller, Edelink, Grateloup
und E. Gautier Dagoty erworben worden. Bei
den neueren Meiftern erhielt Adolph Menzel
den größten Zuwachs (43 Blätter, darunter 23
Probedrucke von Holzfchnittilluftrationen und
13 Steindrucke zum Ärmeewerke); von anderen
deutfchen Künftlern find zu nennen: Auguft
Babberger, Friß Boehle, Leonhard Fanto, Ernft
Gabler, Margarethe Geibel, Ernft Moriß Geyger,
Otto Greiner, Carlos Grethe, Ernft Gundelfinger,
Ludwig v. Hofmann, Melchior von Hugo, L. H.
Jungnickel, Max Klinger, Maria La Roche, Emil
Orlik, Heine Rath, Hermann Sandkuhl, Ferdinand
Schmußer, Friedrich Stern und Robert Sterl.
Endlich wurden noch Blätter erworben von den
Engländern Bone, Brangwyn, Craig, Denham,
Dodd, Gascoyne, Gere, Pennell, Shannon und
Whistler, den Franzofen Daubigny, Gavarni,
Meryon und Forain, dem Niederländer Bauer
und dem Ruffen Pafternak. In der Sammlung
der Handzeichnungen beträgt die Zahl der Neu-
erwerbungen 20; hervorzuheben find hier 5 Bild-
niffe von Karl Vogel von Vogelftein, fünf Aqua-
rellftudien von S. L. Wenban, ein Blatt von
Karl Spißweg, zwei Aquarelle von Walter
Leiftikow und (von noch lebenden Künftlern)
eine frühe Federzeichnung von Franz Stuck,
drei Studien von Eduard v. Gebhardt, eine
Paftellftudie von Robert Sterl und zwei Zeich-
nungen von Guftav Klimt.

Die Skulpturenfammlung hat im vergan-
genen Jahre, dank einer außerordentlichen Be-
willigung der Generaldirektion der Königlichen
Sammlungen, ihren Antikenfchäßen eine fehr
wertvolle Neuerwerbung einverleiben können:
ein attifches Grabrelief mit den lebensgroßen
Geftalten einer Mutter und ihrer Kinder, Sohn
und Tochter. Zwar fehlen der Gruppe die Köpfe,
aber in dem Erhaltenen, vor allen Dingen in
der Arbeit der Gewandung ift das Kunftwerk
hervorragend fchön. Dem Stile nach gehört es
dem vierten Jahrhundert v. Chr., alfo der Zeit
eines Praxiteles an. Ein zweites antikes Werk
erwarb die Sammlung in dem Kopf der älteren
Ägrippina, der Gemahlin des Germanicus; auch
diefe Arbeit ift nicht gut erhalten, aber wegen
ihrer hellenifchen Äbftammung wertvoll und
deshalb befonders erwähnenswert. Endlich er-
warb die Sammlung noch ein rotfiguriges at-
tifches Doppelhenkelgefäß mit den Bildern einer
fchreitenden Siegesgöttin, die in den Händen
Fackel und Räuchergefäß hält, und eines Man-
nes vor einer bärtigen Herme. Den Anzeichen
des Stiles nach gehört das Kunftwerk dem
fünften vorchriftlichen Jahrhundert an. Unter

Der Cicerone, II. Jalirq., 16. Heft. 41

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