Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN

den Erwerbungen neuerer Bildwerke ift die be-
deutend^ Max Klingers Bronzebüfte des Leip-
ziger Philofophen Wundt. Ferner wurden von
der Sammlung zwei plaftifche Skizzen der
dänifchen Bildhauerin Änne Marie Karl Nielfen
angekauft, und durch Gefchenk erhielt fie einen
marmornen Studienkopf Safcha Schneiders und
eine überlebensgroße Bildnismaske Wagners von
Richard Guhr. Das Minifterium des Innern über-
wies der Sammlung aus den Mitteln der Staats-
bewilligung für Kabinetts- und Kleinplaftik Ar-
beiten von Oskar Äurich, Jenny v. Bary-Douffin,
Edmund Beckmann, Hermann Friß, Arthur Lange,
Guftav Reißmann, Walter Sintenis und Paul
Sturm. Die Arbeiten des zuleßtgenannten Künft-
lers, zwei Mufchelkannen mit weiblichen Bild—
niffen, find um deswillen befonders bemerkens-
wert, weil fie die in Deutfchland faft völlig in
Vergeffenheit geratene Kunft des Gemmenfchnitts
wieder zu beleben fuchen. Plaketten und Me-
daillen wurden erworben von Ovide Yenceffe-
Paris, Ernft Kromer-München, Ernft Rietfchel,
Friß Hörnlein und Max Lange. Ziemlich reich
war die Erwerbung der Sammlung an Abgüffen.
Unter ihnen befinden fich Grabreliefs aus Böc-
tien und Athen, Firftfiguren und ein fchönes
Asklepiosrelief aus dem Heiligtum diefes Gottes
in Epidauros, ein Simsftück mit Löwenkopf von
dem Rundbau des jüngeren Polyklet ebendaher.
Ein Gönner der Sammlung fchenkte diefer Nach-
bildungen intereffanter altkretifcher Funde und
ein anderer überwies fiebzehn Abgüffe feiner ge-
wählten Äntikenfammlung. Von den mit Ge-
nehmigung des Grafen von Schönburg-Glau-
chau abgeformten Bildwerken aus der Schloß-
kirche in Wechfelburg ift nach der berühmten
Kanzel nun auch der Lettner mit den Statuen
des Abraham und Melchifedek im Abguß foweit
zufammengefeßt worden, daß feine Äusftel-
lung in der Sammlung erfolgen kann. An
Abgüffen nach Kunftwerken der Renaiffance
wurden erworben Lucca della Robbias herrliche
Begegnungsgruppe der Maria undElifabeth aus
glafiertem Ton vom Altar der Kirche S. Giovanni
Fuorcivitas in Piftoja, Andrea della Robbias
Altarrelief mit der Krönung der Maria aus der
Offervanza bei Siena und Michelangelos Kreuz-
abnahme aus dem Dome zu Florenz. Unter
den Abgüffen neuerer Kunftwerke beßnden fich
Arbeiten von Hildebrand, Bermann, Wrba' und
Rodin; endlich überwies die holländifche Regie-
rung der Sammlung fchenkungsweife die für die
Internationale photographifche Äusftellung Dres-
den 1909 hergeftellten Abgüffe hindoftanifcher
Rundwerke und Flachbilder aus Java.

Die Porzellanfammlung erfuhr in ihrer
oftafiatifchen Abteilung reichere Vermehrung als

in der europäifchen. Hier wurden nur einige
bemerkenswerte Stücke der Meißner Porzellane
der Rokokozeit angekauft, u. a. eine auf einem
Bronzepokal ftehende große bemalte Gruppe
„Venus und Adonis“, die zu einer Folge von
mythologifchen Darftellungen gehört, welche
Friedrich der Große am Ende des fiebenjährigen
Krieges während feines Aufenthaltes in Dresden
bei der Meißner Manufaktur beftellt, aber nicht
geliefert erhalten hatte. Das Kunftwerk ift
äugenfcheinlich keine Arbeit Kaendlers, fondern
von einem anderen Plaftiker der Manufaktur
modelliert worden. Von den Erzeugniffen an-
derer Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts
ift eine Nymphenburger Arbeit bemerkenswert,
die unbemalte Figur eines Pilgers. Sie ift das
Werk des Hauptmodelleurs der Nymphenburger
Manufaktur, Baftielli. Endlich ift noch zu er-
wähnen, daß es der Leitung der Sammlung im
Berichtsjahre gelang, das erfte mit einer Marke
verfehene Stück der von Böttger, dem Erfinder
des Meißner Porzellans, in Dresden begründeten
Fayencefabrik zu erwerben. Es ift eine für die
Dresdner Hofapotheke angefertigte Kanne, die
in Blaumalerei den Namenszug des Königs
Äuguft von Polen und das fächfifch-polnifche
Wappen trägt und eine aus den Buchftaben D
und H und der Jahreszahl 1781 beftehende Marke
hat. D = Dresden, H = Carl Gottlieb Hörifch
(damaliger Befißer der Fabrik). Für die oftafia-
tifche Abteilung glückte der Sammlung der be-
deutungsvolle Erwerb zweier datierter poly-
chromer Porzellane aus der Zeit des Kaifers
Wan-li (1573—1620), d. h. aus derjenigen Epoche
der chinepfchen Porzellankunft, in der die poly-
chrome Manier zuerft in reicherem Maße ange-
wendet wurde. wd.

MÜNCHEN Die Leitung des ETHNOGRA-
PHISCHEN MUSEUMS hat feit einiger Zeit da-
mit begonnen, die zum großen Teil fehr wert-
vollen Beftände neu zu ordnen und überfichtlich
in modernen Schränken aufzuftellen. Aufgeftellt
ift jeßt die Sammlung von Neu-Seeland. Sie
umfaßt hauptfächlich das Kulturgut der alten
eingeborenen Bevölkerung der Maoris. Die
Maoris gehören zu den fchönften, kräftigften
und kriegerifchften Völkern; fie find geiftig reg-
fam und fehr gefchickt in Kunftfertigkeiten aller
Art. Das beweifen am beften die ausgeftellten,
fich durch edle Linienführung auszeichnenden
Holzfchnißereien. Wir fehen da die prächtig
verzierten, vielfach mit Federn und Mufcheln
verfehenen Häuptlingskeulen, die Tanzftöcke,
Schlagwaffen ufw. Alle zeigen eine reiche Or-
namentierung und namentlich die Kerbfdhniß-
Manier ift bemerkenswert. Faft einzig in ihrer

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