Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DER KUNSTMÄRKT — von den äuktionen

Bevorftehende Äuktionen

BERLIN. Der Monat November wird auf
dem Berliner Kunftmarkt befonders ereignisreich
fein, denn fowohl Rudolf Lepke wie Ämsler
und Ruthardt haben einige Äuktionen in Vor-
bereitung, deren Wert über jeden Zweifel er-
haben ift. Bei Lepke kommen in derZeit vom
8.—15. November allein drei bedeutende Samm-
lungen unter den Hammer. Das weitaus größte
Äuffehen dürfte in Fachkreifen die Verweigerung
der Sammlung Hans Schwarz machen, über
die ein prachtvoller Katalog Auskunft gibt, zu
dem Max J. Friedländer ein kurzes Vorwort
gefchrieben hat. Diefe Sammlung ift der per-
fönliche Nachlaß jenes bekannten, allgemein ge-
fchäßten Wiener Kunfthändlers Hans Schwarz,
der auch als Händler für fich ein Typ war, und
deffen Perfönlichkeit Friedländer auch in feinem
Vorwort ungemein warm kennzeichnet. Der
Händler Schwarz war vorwiegend auf dem Ge-
biete der niederländifchen Malerei tätig. Die
Liebe des Sammlers dagegen wandte fich vor
allem den deutfchen Bildwerken des 15. und 16.
Jahrhunderts zu. Äuf diefem engbegrenzten
Gebiet hat er hervorragende Gegenftände er-
worben, und es ift kein Zweifel, daß hier die
Nachfrage wohl am lebhafteften fein wird, wenn
man bedenkt, wie fehr neuerdings gerade Werke
diefes Typs von den Mufeen gefucht und ge-
kauft werden. Diefe Holzbildwerke deutfcher
Schule, von denen drei auf den berühmten
Namen „Riemenfehneider“ getauft find, bilden
für fich eine gefchloffene Gruppe innerhalb des
Übrigen. Von den zahlreichen Werken anderer
Schulen und Meifter fei hingewiefen auf den
großen Ältar von Michael Pacher, die namen-
lofen, aber bedeutenden fdiwäbifchen und frän-
kischen, franzöfifchen und niederländifchen Grup-
pen und Figuren, die zum großen Teil ihre
Originalbemalung und -Vergoldung noch be-
fißen . . . Von den Steinfkulpturen fei auf ein
franzöfifches Relief aus dem Ende des 13. Jahr-
hunderts hingewiefen, das aus der Äbteikirche
von St. Denis, vom Grabe Philipps, des Bruders
des heiligen Ludwigs, ftammt. Zur Zeit der
franzöfifchen Revolution wurde das Grab teil-
weife zerftört; einzelne Teile davon befinden
fich im Louvre und im Mufee Cluny. Unter den
Gemälden befindet fich ein feltener Giovanni
Boccati, Bartel Bruyns, Hans Krell (der Leip-
ziger Cranach-Schüler) und der von Friedländer
entdeckte „Meifter der virgo inter virgines“. Von
kunftgewerblichen Arbeiten find italienifche
Bronzen, gotifche Möbel, Waffen, Textilien,
Glasfcheiben, italienifche Majoliken, Steinzeug

zu nennen, die dem vornehmen Heim ein wahr-
haft künftlerifches Milieu gaben. Auch Werke
der farbigen Hafner-Keramik, wie ße Lanna in
fo reichem Maße gefammelt, hat Hans Schwarz
in den Bereich feiner Sammeltätigkeit gezogen.
Der Katalog 1589 mit 44 Lichtdrucktafeln ift zum
Preife von 10 Mk. durch das bekannte Kunft-
Äuktionshaus zu beziehen.

Das zweite große Ereignis, das ebenfalls im
Haufe des Kunftinftituts Rudolf Lepke vor fich

Standfigur des heil. Jakobus, fchreitend dargeftellt.
Kat.-Nr.53. Verweigerung der Sammlung Hans Sdiwarz-
Wien durch Rud. Lepkes Kunftauktionshaus in Berlin
am 8. November 1910

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