Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHÄU — SÄMMLUNGEN

DIE NEUORDNUNG DES MUSEUMS
BOIJMÄNS IN ROTTERDAM Mit Be-
ginn des neuen Jahres wurde das Mufeum Boij-
mans wieder eröffnet, nachdem es zehn Monate
lang gefchloffen war. In diefer Zeit haben nicht
allein alle Räume, fondern auch viele Bilder
einen derartigen Verjüngungsprozeß durchge-
macht, daß wir mit jedem Saal immer von neuem
freudig überrafcht werden.

Das Entree ift leider noch immer etwas dunkel,
aber fteigen wir die Treppe, die durch zwei fo-
genannte Ochfenaugen rechts und links beffer
beleuchtet ift, hinauf und treten nach rechts in
den Primitivenfaal.

Die fatten leuchtenden Farben diefer frühen
Meifter verftärkt in fchöner Weife ein grünlich
weißer Wandbehang. Kaum wiederzuerkennen
find die beiden Ooftzanens, die Porträts des
Äuguftijn van Teylingen und feiner Frau. Hier
ift der Haager Reftaurator de Wild vom Glück
ganz befonders begünftigt gewefen. Befonders
fchön hebt fich das männliche Bildnis von feinem
grünen Hintergrund ab, der unter der dunklen
Übermalung zum Vorfchein gekommen ift. Nicht
zu vergeffen find aber ihre fchönen alten Eichen-
holzrahmen, von denen nun auch die frühere
fchwarze Übermalung abgewafchen ift. Sehr gut
reftauriert ift ferner der Dirck Bouts, fo links
unten am Rand. In der Milte der einen Breit-
wand hängt eine neue Leihgabe, der in Tem-
pera gemalte trunkene Bauer vom alten Pieter
Brueghel aus dem Befiß von Mr. van Valken-
burg in Rotterdam. Leider hat eine fpätere
Hand diefes köftliche lebensvolle Genreporträt
an einigen Stellen durch Ölfarbe verfchlecht-
beffert.

Im zweiten Saal treffen wir Haarlemer und
Rotterdamer Künftler an. Die braune Wand-
bekleidung ift geblieben, doch die Anordnung
der Gemälde an den Wänden hat eine durch-
greifende Änderung erfahren, die die bedeuten-
deren Stücke zu befferer Geltung bringt. So
nimmt z. B. die Mitte der einen Längswand das
prächtige Männerporträt von Frans Hals ein,
das früher im Rembrandtfaal mit einem recht
dunklen Eckplaß vorlieb nehmen mußte.

Das angrenzende Kabinett ift dunkelrot ge-
worden und beherbergt vornehmlich die Schulen
von Haag und Dordrecht. Ganz eigenartig wirken
hier die drei nebeneinander gehängten, auf Rot
geftimmten Cuyps, der Hahn mit Henne und
die beiden Stilleben. Hervorzuheben find zwei
prächtige alte Goldrahmen der Stadtanficht und
Flußlandfchaft desfelben Meifters. Die frühe
Morgenfonne auf leßterem Bilde harmonifiert
befonders gut mit dem matten Gold des Rahmens.

Betreten wir nun den nächften Saal, in dem
der Rembrandt hing und auch noch hängt, fo
ift unfere Freude über die Neuerungen im Mu-
feum am größten. Jeder Befucher, der den
alten Zuftand kennt, weiß wie dunkel und un-
freundlich gerade diefer große Mittelfaal war,
und wie fchlecht die Gemälde hier zu fehen
waren. Jeßt aber ftrömt durch drei große hohe
Fenfter das volle Tageslicht herein, und mit un-
widerftehlicher Macht wird unfer Blick auf den
herrlich leuchtenden Rembrandt gelenkt, der die
Mitte der einen Längswand einnimmt, wo früher
der Fabritius hing. Diefer kommt auf feinem
jeßigen Plaß auf derfelben Wand ganz links
m.E. leider nicht mehr zu feiner vollen Geltung.
Zwifchen den dreiFenftern find, von derFenfter-
wand ein wenig abgerückt, zwei niedrige Scheide-
wände aufgeftellt. Der Wandbehang ift hell-
braun.

Einen der größten künftlerifchen Genüffe im
neugeftalteten Mufeum bietet ein Teil des nun
folgenden Kabinetts der Vlamen. Äuf einem
blaß fmaragd-grünen Stoff hängt hier der fchöne
blaß grün-rofa geftimmte Greuze, umrahmt von
einem herrlichen alten, fcharfgefchnißten Gold-
rahmen aus derfelben Zeit — ein höchft wert-
volles Gefchenk.

Der leßte Saal in diefer Runde ift wieder hell-
braun und zieht unfere Äufmerkfamkeit vor
allem durch den großen v. d. Helft auf fich,
früher im großen Mittelfaal.

Werfen wir in diefem Stock noch einen Blick
ins alte Direktorzimmer, an deffen Innenausftat-
tung noch gearbeitet wird. Ein fein nuancierter
graublauer Stoff, nach einem Mufter im South
Kenfington Mufeum angefertigt, gibt dem Raum
etwas Intimes, das zu feiner Beftimmung als
einer Art Kupferftichkabinett fehr gut paßt. An
den Wänden follen in fchönen alten Goldrahmen
mehrere Zeichnungen, fo vor allem die großen
v. d. Velde-Zeichnungen, ftändig ausgeftellt
werden.

Das faft ausfchließlich der modernen Kunft ge-
widmete Erdgefchoß hat mit dem großen Mittel-
faal, früher Bibliothek, einen fchönen Zuwachs
erhalten. Von der champagnerfarbenen Wand-
bekleidung heben fich die Modernen mit ihrer
fonnendurchfluteten Luft fehr gut ab.

Durch einen kleinen weißen Korridor gelangt
man nach links in das Kupferftichkabinett, grün
mit Eichenholz. Hieran Tchließt fich nach links
der noch ganz im Bau begriffene Louis XIV.-
Saal. Er foll weiß gehalten werden mit hell-
gelber Wandbefpannung, was mit dem Blau des
in einer Vitrine zur Aufhellung gelangenden
Delfter Fayences fehr harmonifch zufammen-

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