Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN ° AUSSTELLUNGEN

und find in ihrer künftlerifchen Bedeutungs-
lofigkeit undiskutierbar.

Das Mufee Carnavalet hat die Marmorftatuette
eines Kindes erworben, die bei den Arbeiten des
Seinetunnels am Place Saint Michel in Paris ge-
funden wurde. Das Werk wird Jean Qoujon zu-
gefchrieben. G-

SCHWEIZ Die Verteilung der von der
Gottfried Keller-Stiftung im Jahre 1909
erworbenen Kunftwerke. Nach Befchluß des
Bundesrates find die im Verlauf des Jahres 1909
von der Kommifffon der Gottfried Keller-Stiftung
angekauften Kunftwerke folgendermaßen an die
Mufeen des Landes verteilt worden:

„Päturage äBonatrait“, Ölgemälde von Leon
Gaud, gekauft in der Äusftellung der nachge-
laffenen Werke des Künftlers dem Musee de
Peintures in Locle.

Zwei Porträts von Anton Graff dem Schlöffe
Wülflingen bei Winterthr.

„Anna Selbdritt“, Tafelbild in Öl von Hans
Baldung-Grien der Kunftfammlung Bafel.

„Berner Patrizierin im Koftüm des 17. Jahr-
hunderts“, Tafelbild in Öl von einem unbekann-
ten Meifter dem Landesmufeum in Zürich.

Alter Mann, Ölgemälde von Karl Stauffer
dem Kunftmufeum Bern.

Porträt Adalbert III. von Bärenfeld von Hans
Baldung-Grien der Kunftfammlung Bafel.

„La Paffion“, Handzeichnung von Carlos
Schwabe dem kunfthiftorifchen Mufeum Genf.

C. H. B.

ST. MORITZ Vom Segan tini-Mufeum.
Der dritte Teil des Triptychons von Segantini
„Natura“, „Sein“, das Mittelbild zu den feitlichen
Gemälden „Werden“ und „Vergehen“, ift jetjt
gleichfalls in der Halle des Segantini-Mufeums
aufgeftellt worden, als Depot des Eigentümers,
die Fürften Wagram in Paris. Falls man fich
nun noch entfdhließen könnte, die kleineren Stu-
dien und Skizzen aus dem Kuppelfaal zu ver-
bannen und diefen ausfchließlich dem dreiteiligen
Epos der Älpenwelt einzuräumen, würde der
von Architekt Nicol. Hartmann in St. Moriß mit
fo viel Verftändnis gefchaffene Denkmalsbau in
der Tat zu einem Heiligtum werden, zu einem
unvergleichlichen Erinnerunqsmal an den qroßen
Künftler. C. H. B.

AUSSTELLUNGEN

HUGO VONHÄBERMÄNN (WINTER-
AUSSTELLUNG DER MÜNCHENER SEZES-
SION). Als nachträgliche Feier des 60. Geburts-
tages ihres Präfidenten veranftaltet dieMünchener
Sezeffion eine Äusftellung des Werkes von

Habermann. Die Fülle feines Schaffens hat zu
den zur Verfügung ftehenden Räumen noch einen
Teil der Braklfchen Kunfthandlung beanfprucht.
Etwa 170 Werke find zufammengekommen. Wir
fehen den Meißer als getreuen Schüler Carl
von Pilotgs, deffen Äteliertradition er huldigt,
ohne feine Selbftändigkeit zu verleugnen, folgen
ihm durch alle Perioden eines einheitlichen auf
zielbewußten Prinzipien ruhenden Künftlertums,
erkennen feine Meifterfchaft in der malerifchen
Durchbildung der Form. Die kraftvolle Syn-
thefe diefes unmittelbaren Kunftwillens entfpringt
den Forderungen eines ungewöhnlichen, erreg-
baren und fein empfindenden Temperaments,
das der Virtuofität einer ebenfo impulfiven Tech-
nik gebietet, und trotj dem doppelten Ungeftüm
die Grenzen einer ariftokratifchen Selbftbe-
herrfchung aufs trefflichfte zu wahren weiß.
Überall das Äusfchlagen bewußter Kraft, über-
all gleichzeitig die Direktion eines angeborenen
Taktgefühls.

Das ältefte der vorhandenen Bilder, ein „alter
Spanier“ (1874) erweift fchon das Vorhanden fein
der wefentlichen Bedingungen der künftigen
Bedeutung. Es ift zum Teil gemalt mit dem un-
erfreulichen Äfphaltfchwarz, das manche Schüler
Pilotys begeifterte — aber die aufgefefeten Lichter
an den Falten des Ärmels, der Kraufe der Hand,
der Hand felbft fprechen für das Freifein vom
Metier. Wenn man Habermanns Palette in
überflüffigem Vergleich meffen will mitVelasquez,
könnte man hier weit eher denken an das Vorbild
des lebensfrohen großen Holländers, der die
eingeftemmte Rechte feines lachenden Kavaliers
virtuos hinmalte, Frans Hals. Von diefem Bilde
ab hat Habermann ftändig an fich felbft weiter-
gearbeitet, um fein individuelles Empfinden zu
fteigern und zu vereinfachen. Seine leßten
Arbeiten geben hierfür Zeugnis: eine Dame
in blaßblau und rot vor blauem Grunde, das
repräfentive Bildnis einer öfterreichifehen Grä-
fin mit Federboa. Habermann ift ßch immer
treu geblieben. Sein Ideal ift nicht das kolo-
riftifche Raffinement, fondern der koloriftifche
Ausgleich entfprechender Werte, die Wahr-
heit. Wie er im Gegend zu feinem Genoffen
von der Sezeffion Albert von Keller, der im
Weibe die Sphinxgeftalt fucht und das Unnatür-
liche, Hyfterifche, Negative bevorzugt, als freu-
diger Lebensbejaher mit induktiver Rafßgkeit
die vollen frifchen Wangen liebt und als lefeter
auf der Rubensfchen Linie warm und finnlich
das Leben felbft packt, unbekümmert, natürlich,
fo ftrebt er es in feinen Bildern wiederzugeben.
Ob er das fchelmifche Atelierkind malt, das
zwifchen bunten Kiffen verführer^ch entgegen-
lacht oder die Dame der Gefellfchaft in raffinierter

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