Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

Page: 64
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1910/0088
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SAMMLUNGEN

MÜNCHEN ALTE PINAKOTHEK. Äußer
den bereits erwähnten Bildern find aus Filial-
galerien noch die folgenden Werke nach München
gebracht worden: Meifter des Sterzinger Altars,
Chriftus als Schmerzensmann, Burgkmair, Seiten-
flügel des Johannesaltares, Jacopo dei Barbari,
Stilleben, J. van Calcar, Lauten fpieler und zwei
weitere Stilleben von Jan Fyt. Am 8. Januar
veranftaltete der Verein der bayer. Kunftfreunde
eine Führung durch die Sammlung, die Geheim-
rat von Tfchudi übernommen hatte. Bei der
Begrüßung der Erfchienenen rühmte Reichsrat
Freiherr von Cramer-Klett die hohe Bedeutung
der Neuordnung und fprach feine unverhohlene
Genugtuung über den Gewinn Tfchudis für
München aus, was die Verfammlung, in welcher
nur wenige wichtige Perfönlichkeiten des künft-
lerifchen München fehlten, begeiftert beftätigte.
Die Führung leitete Tfchudi mit einer kurzen
Änfprache ein, worin er feine mehr künftlerifche
Überzeugung für die Einrichtung einer Samm-
lung wie der Münchener betonte, die Prinzipien
der Neuordnung erläuterte, den Gegen faß der
Hauptfammlung in München zu den Filialgalerien,
derer Aufgabe es lediglich fei, die Kunftwerke ihrer
lokalen Schulen zu bewahren, feftftellte und dann
auf einige noch zu erwartende Verbefferungen
hinwies. Der große Eingangsfaal mit den Bild-
niffen der Stifter wird für die Werke der deutfchen
Schule gewonnen werden können, und es ift
beabfichtigt, die einzelnen, bisher zum Teil aus-
einandergenommenen Ältarwerke zufammenzu-
feßen.

Rembrandts Chriftus foll aus der Gemälde-
galerie in Äfchaffenburg ebenfalls nach München
gebracht werden.

Der Verein der bayer. Kunftfreunde hat die
Stuckßgur (Madonna mit Kind) eines unbekannten
italienifchen Meifters und die Holzftatuette einer
heil. Katharina, vermutlich fränkifchen Urfprungs,
erworben. ErfteresWerk foll in der alten Pina-
kothek — in welche damit die Plaftik zu de-
korativen Zwecken Einzug hält —, leßteres im
kgl. Nationalmufeum aufgeftellt werden.

PARIS Als eine Ergänzung meiner Betrach-
tungen über die Verwaltung des Louvre kann ein
Rundgang durch die Anstellung der ftaatlichen Be-
ftellungen und Erwerbungen im Jahre 1909 gelten,
die — wie alljährlich — das Unterftaatsfekretariat
der fchönen Künfte am 28. November in der Ecole
des Beaux-Ärts eröffnet hatte. Für ftaatliche und
ftädtifche Behörden in Paris und der Provinz
wurden im Jahre 1909 auf Beftellung geliefert
zur Dekoration öffentlicher Gebäude oder Pläße:
24 Gemälde, 25 graphifche Arbeiten, 39 plafti-

fche Bildwerke, 1 kunftgewerbliche Arbeit und
8 Tapifferien für die Manufaktur der Gobelins.
Das Musee du Luxembourg kaufte außerdem
12 Gemälde, 16 graphifche Arbeiten, 9 plaftifche
Arbeiten und einen kunftgewerblichen Gegen-
ftand. Für Provinzmufeen wurden außerdem
erworben: 21 Gemälde, 2 graphifche und 4
plaftifche Arbeiten. Im ganzen wurden gekauft:
169 Gemälde, 162 graphifche Arbeiten, 77 pla-
ftifche Arbeiten, 25 kleine, kunftgewerbliche
Gegenftände, 11 Tapifferien und etwa 30 kera-
mifche und Porzellan-Arbeiten, darunter von
ausländifchen Künftlern: ein Gemälde von

Shannon (Engländer), ein Gemälde von Tark-
hoff (Russe), ein Gemälde von Frl. Stettier
(Schweizerin). Schon diefe Statiftik weckt den
Eindruck, daß die Ankäufe des franzöfifchen
Staates unzureichend find. Man addiere einmal
die Ankäufe von Kunftwerken in allen deutfchen
Bundesftaaten und deutfchen Städten zufammen
und ftelle fie diefer Statiftik entgegen. Man
wird dann auf einen Blick erkennen, daß die
deutfchen Bundesftaaten und die deutfchen
Stadtverwaltungen unverhältnismäßig mehr für
die lebendige Kunft tun. Aber die ftatiftifchen
Betrachtungen genügen nicht allein zu einem
abgerundeten Urteil über die Jahresankäufe der
franzöfifchen Regierung; fie wollen auch künft-
lerifch eingefchäßt und mit den deutfchen Jahres-
ankäufen verglichen werden. Gewiß werden
auch von deutfchen Staats- und Stadtverwal-
tungen alljährlich minderwertige Kunftwerke
angekauft; aber das abfolute Verhältnis zwifchen
den guten und fchlechten Kunftwerken, die
öffentlich angekauft werden, ift auch in Deutfch-
land unvergleichlich beffer als in Frankreich.
Wenn wir unfere Änfprüche fehr herabfeßen,
jeden Änfchein von Parteilichkeit und perfön-
lichem Urteil vermeiden und die Akademiker
älterer Richtung in eine Linie mit den ernft-
hafteren, jüngeren Malern ftellen, fo können
wir felbft dann unter diefen 500 angekauften
Kunftwerken nur 100 als irgendwie bemerkens-
wert hervorheben, nämlich von Gemälden: Ca-
rolus Duran 3, Deltombe 1, Laurens 2, Luce 1,
Martin 1, Menard 3, Ottmanl, Raffaeli 1, Rolli,
Shannon 1, Stettier 1, Tarkhoff 1, Truchet 2,
Willette 1; von graphifchen Arbeiten Boutet de
Monvel 1, Cazinl, Chapuy 1, Charlet 1, Colin 2,
Cottet 4, Girouxl, Jacquetl, Leandre 1, Raffa-
elli 1, Redon 1, Truchet 1, Vebert 1 und 30
Radierungen nach alten Kunftwerken; von pla-
ftifchen Arbeiten Rene Carriere 1, Charpentier3,
Marquet 1, Rodin 4; von kunftgewerblichen
Arbeiten 24. Die übrigen 400 vom franzöfifchen
Staate angekauften Kunftwerke erheben fich
nicht über den Wert dilettantifcher Spielereien

64
loading ...