Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN o AUSSTELLUNGEN

aus der Blutlinie des Haufes Habsburg vom
Sohne Breu und ein Scheibenriß Ämbergers
mit dem heil. Martin von Tours hervor. Da-
neben laufen Arbeiten von Lindtmayer, dem
Danziger Möller, Bocksberger und einigen
älteren Monogrammiften. Von Blättern diefer
Art führt der Tiroler Barockmaler Paul Troger
mit fünf Federzeichnungen etwas unvermittelt
ins frühe 19. Jahrhundert. Hier findet vorzüg-
lich das Wiener Lokalintereffe feine Befriedi-
gung: da ift der Entwurf für das Altarblatt der
Wiener Hofburg-Kapelle von Hubert Maurer,
ein paar Skizzen aus dem Franzofenkriege 1809
von J. N. Höchle (darunter zweimal die Schlacht
bei Aspern) und einige feine Porträtminiaturen
aus den Dreißigerjahren von J. En der und
anderen. Zeitlich jchließt daran eine in An-
ordnung wie Ausführung gleich reizvolle Por-
trätzeichnung des Hannoveraners C. L’Älle-
mand von 1838 nach einem Fräulein Jeanette
Haift in Wien. Die Vorzeichnungen zu dem
Prunkfchilde des Wiener Hofmufeums mit dem
Kampfe der Kentauren und Lapithen von Jofef
Tautenhayn und die Blätter der Münchener
Claudius von Schraudolph und Jofef Weng-
lein (Motiv aus der bayrijchen Hochebene), alles
Arbeiten aus den Siebzigerjahren, leiten zur
Moderne über, der nach der mächtigen Wir-
kung, die der Meifter eben jeßt wieder ausübt,
auch Wilhelm Bufch zuzurechnen ift, obfchon
die Arbeiten, mit denen er auf der gegenwär-
tigen Ausftellung feinen Einzug in die Albertina
fpät aber glänzend feiert, aus dem Jahre 1865
ftammen. Es ift eine 17 Stücke unifaffende, nur
teilweife in einem „Münchener Bilderbogen“
reproduzierte Folge von Zeichnungen, „Das
warme Bad“ betitelt. Von Max Kling er brachte
die Sammlung die 1906 datierte Studie zu der
Frauengeftalt am rechten Rande feines Fresko-
gemäldes in der Aula der Univerfität Leipzig
an fich, von Greiner eine feine, als Kopfleifte
eines Diplomes gedachte Federzeichnung alle-
gorifchen Inhaltes. Von Slevogt ift ein Selbft-
porträt, von Olaf Gulbranffon eine boshafte
Karikatur Gerhart Hauptmanns, von Felix Hol-
lenberg und Edmund Steppes je eine Land-
fchaft zu fehen. Die von Steppes feffelt durch die
eminente Kunft, mit der er fo viel Licht und
Luft mit wenigen Konturen einzufangen weiß.
Beachtenswert ift auch die Aktftudie des Salz-
burger Künftlers Karl Anton Reichel, der mit
einem farbigen Holzfdmittakte auch in der Ab-
teilung der Kunftdrucke rühmlich vertreten ift.
Hier nimmt relativ den breiteften Raum der
fehr produktive Wiener Radierer Ferdinand
Sch muß er ein; das befte feiner ausgeftellten
Blätter ift das technifch meifterhaft behandelte

Der Cicerone, II. Jahrg., 17. Heft. 43

Bildnis des bekannten Wiener Kunftfammlers
Herrenhausmitgliedes L. Lobmeyr. Die Zufam-
menfeßung der reftlichen Kollektion ift durch
die Namen Thoma, Klinger, Leibi, Zorn,
Fantin-Latour, Rodin, Raffaelli, Her-
komer und Penn eil genügend charakterifiert.
Eine Welt für fich bildet eine Gruppe japanifcher
Zeichnungen von Hokufai, Kiofai und Ku-
rt iyofhi. Die Albertina verdankt fie der Hoch-
herzigkeit eines hervorragenden Bremer Samm-
lers. H. R.

AUSSTELLUNGEN

BERLIN Der Kunftfalon JACQUES CASPER,
der lange Jahre hindurch in der Behrenftraße
feine kleinen Ausheilungen ausgewählter, zu-
meift ausländifcher Gemälde veranftaltete, hat
feine Äusftellungsräume nach der Potsdamer
Straße 19 in die Erdgefchoßräume einer jener
alten, feinen Villen verlegt, die ganz vereinzelt
noch von der Zeit erzählen, in der die Pots-
damerftraße eine Landhausftraße war. Gegen-
wärtig findet man bei Casper eine Reihe von
aquarellierten Originalkarikaturen, in der Mehr-
zahl franzöfifcheArbeiten vonKünftlern wieCaran
d’Ache, Wely, Mifti, Mars, Gerbauld und vielen
anderen, ungleichmäßig in der Qualität, aber
als raffig-franzöfifche Temperamentsäußerungen
meift fehr amüfant. Der große Saal birgt Aqua-
relle und Ölgemälde von Terrick Williams, meh-
rere Thaulows, ein ausgezeichnetes Bild von
Daumier, fowie einen höchft intereffanten Corot
— Straße in Amiens mit der gotifchen Vorhalle
einer Kirche — gewiß ein für diefen Meifter
ungewöhnliches Thema.

Bei SCHULTE gibt es mehrere Kollektivdar-
bietungen : Karl Leipold zeigt höchft unerfreuliche
Landfchaften und Seeftücke, bei denen die Schiffe
ftatt auf dem Waffer zu fchwimmen in eine
fefte Maffe gekittet zu fein fcheinen, Hans
Heider gefunde, farbig-frifche Gebirgsbilder,
Willy Lucas und Alois Penz gleicherweife Land-
fchaften. Der Porträtift Koffuth macht ölig-glatte
Porträts im Lenbachftil, den er nachahmt bis
auf die Verwendung jener grauen Pappe, auf
deren natürlicher Oberfläche dann genialifch
drauflos gemalt wird. Höchft intereffant find
zwei Liebermanns aus früher Zeit (1874 und
1877), eine „Lotfenftube“ mit wundervollen Fi-
fcherfiguren und eine „Synagoge“ mit braunen
Holzbänken. Hier liegt noch ein tiefer, warmer
Ton über den Bildern, nur die Behandlung des
einfallenden Lichtes läßt fchon Schlüffe auf die
weitere Entwicklung zu. J. Sievers.

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