Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHAU — Sammlungen

DER NEUE ÄNBÄU DES RIJKS-
MUSEUMS IN AMSTERDAM Plaß-

mangel ift leider eine allzu verbreitete Krankheit
unferer Mufeen, die den Genuß an den einzelnen
Kunftwerken mitunter erheblich fchädigt. Je
ra Jeher eine Sammlung wächft, um Jo fühlbarer
wird natürlich diefer Übelftand für den Galerie-
befucher, und defto früher fieht fich die Mufeums-
verwaltung genötigt, hierin Abhilfe zu fchaffen.

Nun erfreut fich der Bilderbeftand des Rijks-
mufeums in Amsterdam eines feiten fchnellen
Zuwachfes. Das 1885 bezogene heutige Galerie-
gebäude mußte bereits 1898 durch den foge-
nannten Fragmentenbau erweitert werden. Aber
auch dann trat bald wieder Raummangel ein,
der zu befeitigen war. Und da befchleunigte
ein neuer Zuwachs die Löfung diefer Angelegen-
heit, wenigftens für die moderne Malerei. Das
war 1904 die Leihgabe einer ftattlichen Anzahl
moderner Holländer aus der Sammlung des in
London lebenden Holländers J. C. J. Drucker.
Hieran war die Bedingung geknüpft, daß neue,
nur für moderne Kunft beftimmte Säle ange-
fügt werden füllten. So entftand denn der
neue, am 3. Dezember vorigen Jahres eröffnete
„Anbau Drucker“.

Der aus Jofef Israels, Willem Maris (für den
fpäter Marius Bauer eintrat) und H.W.Mesdag
begehenden Kommiffion ift es wohl zu danken,
daß Dr. Cuypers, der Architekt auch diefes Neu-
baues des Rijksmufeums, nicht ebenfo freigebig
mit der Anbringung von Verzierungen war, wie
beim alten Gebäude. Dennoch hat er fich im
Inneren nicht ganz davon freimachen können,
und fo wird die vornehme Ruhe der oberen
Säle durch einen allzu goldig linierten Fries ge-
ftört. Hiervon abgefehen, ift der Anbau das
erfte, modernen Änfprüchen mehr Rechnung tra-
gende Mufeum Hollands.

Für das Treppenhaus hat den fchönen Rokoko-
plafond und die gleiche Wandbekleidung ein
Haus in Schiedam hergeben müffen. Hierzu
paffen fehr gut die lebensgroßen Porträts und
die Louis XVI.-Stühle. Die einzelnen Räume
find angenehm niedrig. Die Wände der von den
unteren neun benüßten fechs Säle wie auch die
oberen fünf zeigen durchweg matte Farben und
find mit einer ungefähr 80 cm hohen hellen
Eichenholztäfelung bekleidet.

In drei Sälen des erften Stockes mit Oberlicht
hat die Sammlung Drucker Aufteilung gefunden,
die nunmehr vom Beßßer dem niederländifchen
Staat gefchenkt wurde, ein wahrhaft fürftliches
Gefchenk von rund 70 Gemälden und Aquarellen
erfter moderner holländifcher Meifter. In den

beiden andern Räumen find die Sammlungen
van Lynden und einige Franzofen der Barbizon-
fchule ausgeftellt.

Im Erdgefchoß üben die etwa 25 Werke von
Vincent van Gogh, eine Leihgabe von Frau
Cohen-Gosfchalk, die Hauptanziehungskraft auf
den Befucher aus. Außerdem find hier die Le-
gate Wefterwandt und Francken untergebracht
und die anderen Gemälde aus der Sammlung
Hoogendijk.

Schon ein kurzer Aufenthalt in diefem, durch
einen befonderen Eingang von Süden aus zu-
gänglichen Anbau hinterläßt beim Befucher einen
fchönen Eindruck, nicht zum geringften deshalb,
weil das Äuge die einzelnen Gemälde mit Ruhe
genießen kann. Keine große Fülle zwingt zum
Weiterhaften. Die Schenkung und der Anbau
Drucker find eine fchöne Neuerwerbung des
Rijksmufeums. Kurt Erasmus.

BASEL Der Wettbewerb für den MUSEUMS-
NEUBAU auf der Elifabethenfdianze wurde mit
70 Projekten befchickt. Die Jury beftand aus den
Herren Sarafin-Schlumberger, Bafel; Prof. Dr.
TheodorFifcher,München; Geh.BauratDr.Ludwig
Hoffmann, Berlin; Prof. Dr. F, von Thierfch,
München; Emil Faefch, Bafel; Nikolaus Hart-
mann, St. Moriß; Prof. Dr. Alfred Lichtwark,
Hamburg; Dr. Hermann Blocher, Bafel; Prof. Dr.
Paul Ganz, Bafel. — Keines der Projekte hat
die mufeumstechnifchen und äfthetifchen Anfor-
derungen fo vereint erfüllt, daß die Ausführung
ohne weiteres möglich wäre. Die Jury hat da-
her auf die Austeilung eines erften Preifes ver-
zichtet und gleiche Preife zu je 2500 Fr. fechs
Projekten zugefprochen. Dabei kam das alte
Mufeumsfchema nicht zu hoher Schätzung; weit
mehr wurde auf malerifche Gruppierung ein-
facher Baumaffen und auf praktische Rauman-
lage gefehen. Ob die Prämiierten zu einer
engeren Konkurrenz eingeladen werden oder ob
neue Äusfchreibungen ftattßnden, wird fich in
nächfter Zeit entfeheiden.

An der Spiße der Konkurrenz ftehen die Ar-
beiten von: Albert Rieder, Wilmersdorf-Berlin;
Joß und Klaufer, Bern; Widmer und Erladier,

Bafel; Holzer undHanauer,Zürich; Ä.undH.Bräm,
Zürich und Berlin; Huber und Werz, Wiesbaden.
— Die Projekte von Gebr. Pfifter, Zürch; Ritt-
meyer und Furrer, Winterthur; W. Meyer in
Bafel erhielten lobende Erwähnungen. J. C.

BERLIN Dem KUNSTGEWERBE-MUSEUM
ift als Vermächtnis des in Paris verftorbenen
Fernand von Schickler ein Hauptwerk von Rauch
zugefallen: eine Marmorbüfte der Frau vonÄn-

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