Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN ° AUSSTELLUNGEN

WÄRSCHHU Die Stadtverordneten faßten
diefer Tage den Befchluß, für das ftädtifche Kunft-
mufeum ftatt der Ädaptation des freiherrlich
Kronenbergfdien Palais einen Neubau zu er-
richten und zu diefem Zwecke für einige Jahre
die Summe von 100000 Rubel in das Jahres-
budget einzuftellen. Diefer Befchluß hängt mit
der hochherzigen Stiftung des vor 2 Jahren ver-
dorbenen Mufeumskuftoden Lachnicki zufammen,
der feine reichhaltige Gemäldegalerie der Stadt
unter der Bedingung überließ, daß binnen 2 Jah-
ren ein Gebäude für das Mufeum eingerichtet
wird, welches feit einem halben Jahrhundert
zwar befteht, doch in feinem verwahrloften Zu-
ftand für allgemeine Zwecke kaum brauchbar
war. Von jefet ab [ollen die Sammlungen, die
in drei gesonderten Abteilungen (Gemälde, Skulp-
turen, Kupferftichkabinett) einiges Wertvolle,
darunter Werke von Tintoretto, Rembrandt, Rü-
ben u. a., aufzuweifen haben, einer fachwiffen-
fchaftlichen Katalogifierung unterzogen und dem
Publikum zugänglicher gemacht werden.

J. B-h.

AUSSTELLUNGEN

BERLIN ln noch höherem Maße als bei der
Eröffnung der englifchen Äusftellung trugen die
Feftlichkeiten ausHnlaß derfranzöfifchenÄus-
ftellung in derÄkademie den Stempel diploma-
tifcher Courtoifie. Die Zeitungen haben über zahl-
reiche Einzelheiten der Eröffnung, über Banketts
und Reden ausgiebig berichtet, und wenn man Op-
timiftenglauben foll, hat dieHnnäherung zwifchen
Deutfchland und Frankreich — wenigftens auf
künftlerifchem Gebiete — wieder einmal Riefen-
fortfehritte gemacht. Allerdings konnte man
zwifchen und manchmal auch recht deutlich
in den Zeilen der Tagesblätter von kleinen
Mißklängen bei diefen Feftlichkeiten hören, die
man lieber vermieden gefehen hätte.

Über die Äusftellung felber, die wegen der
Qualität der Objekte weit! über den Rahmen
einer Dußendveranftaltung hinwegragt, reden
wir fpäter noch ausführlich. Es muß genügen
für heute darauf hinzuweifen, daß zahlreiche
erlauchte Werke der Watteau, Fragonard, Bou-
cher, vielfach aus kaiferlichem Befiße, hergeliehen
worden find; andererfeits wird man bedauern,
daß berühmte Werke wie Watteaus „Einfchiffung
nach Cgthera“ fowieBüften Houdons in Potsdam
nicht zu fehen ift.

BRÜSSEL Der König und die Königin haben
das Protektorat über die hier im Cinquantenaire
anläßlich der Weltausftellung zu zeigende retro-
fpektive Sammlung von vlämi fehen Kunft-

werken des XVII. Jahrhunderts übernommen.
Der Direktor des Genter Mufeums Hulin begibt
fich nach Berlin, Baron Kervgn de Lettenhove,
der Organifator der Brügger Ausheilungen der
Primitiven und des Goldenen Vliefes nach Wien
und Madrid, um hervorragende Werke jener
Epoche für die Äusftellung geliehen zu erhalten.
Auch von Amerika ift die Zufage für Hergabe
bedeutender Stücke, fo einiger aus der Samm-
lung Cattaneo in Genua ftammenden van Dycks,
gemeldet. Ebenfo werden auch London und
Ämfterdam Meifterwerke [enden.

Bekanntlich findet in anderen Flügeln des Cin-
quantenaire die moderne Kunftabteilung der
Weltausftellung Aufnahme. Deutfchland beteiligt
fich an diefer offiziell nicht, teils weil es auf der
in Rom 1911 ftattfindenden internationalen Kunft-
ausftellung in einem eigenen Pavillon erfcheinen
wird und den Mufeen und Sammlern nicht zu-
gemutet werden foll, fich der gewünfehten Ge-
mälde zwei Jahre lang zu entäußern, teils aus
anderen Gründen. Dagegen wird eine befchränkte
Anzahl von etwa 50 Werken in der deutfehen
Abteilung der Äusftellung in Brüffel figurieren,
die den Befuchern, welche deutfehe Kunft interef-
fiert, immerhin eine Idee von der Bedeutung der-
felben geben werden. Die belgifche Bildhauerei
wird u. a. das voliftändige „Denkmal der Arbeit“
von Conftantin Meunier in feiner definitiven
Geftalt, fowie das große Relief „Die menfchlichen
Leidenfchaften“ von Jef Lambeaux in dem
dafür erbauten Pavillon zeigen. F. M.

BUDAPEST PETTENKOFEN - AUSSTEL-
LUNG IM „NEMZETI SZÄLON“. (10. Dez.
1909 bis 6. Jan. 1910.) Die Winterausftellung im
Nationalfaion hatte eine große Attraktion in
einer Reihe von Werken Pettenkofens, die für
diefe Gelegenheit der Eifer des Malers und
Kunfthiftorikers Dr. Defider Rözfaffy verfammelt
hat. Ein großer Teil der ausgeftellten Werke;
10 Ölgemälde, ebenfo viel Aquarelle und drei
Zeichnungen befinden fich im Befilje des Wiener
Sammlers E. v. Miller zu Äichholß. Fünf Öl-
bilder, zwei Aquarelle und eine Zeichnung ge-
hören den Herren Dr. Hermann und Gottfried
Eifler-Wien an. Weitere fünf Oelgemälde und
eine Zeichnung befißt Frau Földi-Budapeft. Zwe
Ölbilder überließ dem Salon für die Dauer der
Äusftellung die Wiener Moderne Gallerie; eine
Leinwand (Bildnis des Malers Borsos) und drei
Zeichnungen das Budapefter Mufeum der bil-
denden Künfte und achtzehn Lithographien
(Ehrenhalle des Fuhrwefen-Corps ufw.) die
ungarifche Hiftorifche Galerie. Andere Eigen-
tümer, die noch Werke des Meifters ausftellen

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