Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VON FLORENTINER KUNSTDENKMÄLERN

Äus verfchiedenen Florentiner Kirchen gibt es
. Neues zu berichten.

Äuf Anregung der Opera di S. Lorenzo, der
Comm. Guido Biagi, der verdienstvolle Präfekt
der Laurenziana, vorfteht, hat der Architekt
Giufeppe Caftellucci an der Laterne und an der
Kuppel der alten Sakriftei Arbeiten begonnen,
über die wir nur einen vorläufigen Bericht geben
können. Das Dach der Kuppel foll feine ur-
fprünglicheForm wieder erhalten. An der Laterne,
die mit der Laterne der Kapelle Pazzi auf die bei
letzterer falfch ergänzte Kuppel übereinftimmt,
hat man die fchlanken korinthifdhen Säulen
freigelegt; die Kuppel der Laterne, deren Spi-
ralen ganz orientalifch anmuten, trägt an ihrer
Bafis in Kurfivfchrift das von Caftellucci ent-
deckte Datum 1428. Für die Wiederherstellung
der Bleiverglafungen zwifchen den Säulchen
bieten wiederaufgefundene Fragmente von But-
zenfcheiben den nötigen Anhalt. Von den joni-
fchen Säulen der Balustrade, welche einft die
Laterne umgab, hat der genannte Architekt Stücke
entdeckt, die ihm ermöglichten, auch der Balu-
ftrade nebft den Säulen die ursprüngliche Ge-
ftalt wiederzugeben. Wie eine Soeben vom Re-
ferenten unternommene Befteigung der Kuppel
zeigte, nähern Sich hier die Arbeiten bereits
ihrem Äbfchluffe. Die alte Sakriftei Selbft wird
von den Prieftern geräumt, denen man in einem
Anbau nach Piazza Madonna zu eine neue
Sakriftei erbaut hat. Die übertünchten plaftifchen
Dekorationen Donatellos unter der Kuppel weifen
noch Spuren der alten Polychromie auf, die frei-
gelegt werden Sollen. Ferner foll an der Laterne
der Hauptkuppel der aus Späteren Zeiten Stam-
mende Umbau befeitigt und dadurch die Laterne
felbft der Besichtigung wieder zugänglich gemacht
werden. Die breite Stufenanlage vor der Faf-
fade der Kirche ift gegenwärtig unter dem nach
der Kirche zu anfteigenden Boden der Piazza
San Lorenzo vergraben. Man wird auch diefe
wiederherftellen und alsdann die an der Nord-
Seite der BaSilika, am Canto dei Nelli, gegenüber
dem Palazzo della Stufa Später angebaute Häufer-
reihe niederreißen. Nach Süden foll eine projek-
tierte fchmale Gaffe die aus verschiedenen Gründen
notwendige Ifolierung der Biblioteca Lauren-
ziana bewirken. Eine Kommiffion, der die Archi-
tekten Socini, Caftellucci und Tognetti ange-
hören, ftudiert die Schwierige Frage der Frei-
legung und die noch Schwierigere der Finanzierung
des Projektes, zu der die Stadt aus der Erb-
fchaft Mattei Mittel zur Verfügung Stellen wird.
Bis zur Vollendung aller diefer Arbeiten werden
Sicherlich noch viele Jahre vergehen.

* *

In derBafilica von S.Miniato al Monte und
in dem anschließenden bifchöflichen PalaSt werden
feit 1902 umfangreiche Reftaurationsarbeiten aus-
geführt, die ebenfalls wohl noch mehrere Jahre
in Änfpruch nehmen dürften. Zunächft hat das
Opificio delle Pietre dure den Niellofchmuck des
Fußbodens forgfältig ausgebeffert. Gleichzeitig
hat das Ufficio Regionale baufällige Teile der
Faffade befeftigen und diefe felbft einer Säube-
rung unterziehen lafSen. Michelozzos Tabernakel
im Mittelfchiff ift bereits reftauriert worden, wie
auch das Altarwerk, das die Stelle des wunder-
tätigen Crucifixus einnimmt, der fich einft dem
heiligen Giovanni Gualberto entgegenneigte. Die
allzu bunte Dekoration desDachftuhles derSeiten-
fchiffe, eine Arbeit früherer Reftauratoren, ift
herabgeftimmt und vier vermauerte alte Fenfter
der Seiten fchiffe find wieder geöffnet worden.
Im Chor und in der Krypta wird noch an der
Wiederherstellung des Fußbodens gearbeitet. Das
ChorgeStühl des Domenico da Gaiole bedarf
dringend der Äusbefferung. Während der Ar-
beiten Sind an verfchiedenen Stellen frühe Tre-
centomalereien zum Vorfchein gekommen, dar-
unter eine faft acht Meter große Figur des heiligen
Chriftophorus im rechten Seitenfchiff und Frag-
mente von Fresken, die man verfucht hat, mit
den von Vafari erwähnten Arbeiten des Sagen-
haften Buffalmacco zu identifizieren.

Da fich die Gewölbe der Krypta gefenkt hatten,
mußten zeitweilig die auf ihnen laftenden Schran-
ken des Chors befeitigt werden, die aber jeßt,
nach erfolgter Äusbefferung ihren urfprünglichen
Plaß wieder einnehmen. In der Kapelle des
Kardinals von Portugal hat man die Schadhafte
Decke und die Eingangspilafter ausgebeffert und
die Steinernen Putten am Grabmal des Kardinals
von entstellenden Zutaten befreit. Dem noch an
Ort und Stelle vorhandenen alten Rahmen foll
eine Kopie des Altarbildes Pollajuolos, das jeßt
in den Uffizien hängt, eingefügt werden, falls,
wie zu erwarten, das Original nicht hergegeben
wird.

In der fchönen, weiträumigen Krypta gab es
befonders viel zu tun. Man hat unter Aufsicht
von Dr. Peleo Bacci die Wände gefäubert, Refte
von Fresken freigelegt, die wahrscheinlich von
Taddeo Gaddi herrühren, und 28 der Bögen ver-
stärkt. Eine „Madonna delle Grazie“ und Frag-
mente einer Geburt Chrifti, die kürzlich links
neben der Treppe zum Vorfchein gekommen
find, geben fich als byzantinifierende Arbeiten
des 13. Jahrhunderts zu erkennen. Erheblich
Später, um die Wende des Ducento, ift eine
Gruppe von acht fehr befchädigten Heiligen-
ßguren an der gegenüberliegenden Wand des

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