Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHHU — sämmlungen

ÄMSTERDÄM Herr Henry J. Pfungft
in London hat dem Rijksmufeum ein fehr wert-
volles holländifches Gemälde aus dem 16. Jahr-
hundert mit lebensgroßen Figuren zum Gefchenk
gemacht. Es ift ein Werk von Johan Wou-
tersz und [teilt einen Notar in feinem Büro dar,
bei dem [ich ein alter und ein junger Mann mit
einem Hahn im Arm melden. Herrn Pfungft
wurde als Anerkennung feiner Verdienfte um
die wiffenfdiaftlidien und Kunftfammlungen des
Reiches die filberne Ehrenmedaille verliehen.

K. E.

BERLIN MÄRKISCHES PROVINZIÄL-MU-
SEUM. Die Direktion des Mufeums beabfichtigt
ihre Sammlung von Kunftblättern und Abbil-
dungen, die auf die Gefchidite Berlins Bezug
haben, in nächfter Zeit befonders zu erweitern.
Herr Dr. Max Osborn ift zur Durchführung diefes
Planes als Mitarbeiter herangezogen worden.

Svs.

BIBLIOTHEK DES KUNSTGEWERBE-
MUSEUMS. Eine Äusftellung von Arbeiten
Marcus Behmers ift im Schauraum neben dem
Lefefaal eröffnet worden. Sie enthält den
Illuftrationsfchmuck für Wildes „Salome“ und
Balzacs „La fille aux yeux d’or“, Randleiften,
Initialen und Vignetten, ferner eine Reihe von
Lithographien und Radierungen, darunter Por-
träts und Pflanzenftudien. Svs.

KGL. KUPFERSTICH-KABINETT. Die Aus-
heilung von Arbeiten Whiftlers wurde gefchloffen;
eine Lucas von Leyden-Äusftellung ift in Vor-
bereitung. Svs.

FRÄNKFURT a. M. In den graphifdien
Äusftellungsräumen des ST ÄDELSCHEN KUNST -
INSTITUTS wird zurzeit eine Auswahl der
franzöfifchen Originalzeichnungen des 18. Jahr-
hunderts gezeigt. Das reiche Material ift hifto-
rifch klar gruppiert; fünf Sonderkabinette find
einzelnen Meiftern eingeräumt, um die fidi die
kleineren und abhängigen fcharen.

Das erfte Kabinett gehört Watteau mit
13 Zeichnungen, die alle erfte Qualität repräfen-
tieren. Neben den Blättern mit den bekannten
graziöfen Einzelfiguren — Damen vom Rücken,
Herren in Schäferkoftüm, fißende Damen — find
befonders zwei pikant hingefeßte Studien von
Händen und Köpfen hervorzuheben. Es ift zu
verftehen warum Watteau mitRötel und fchwarzer
und weißer Kreide arbeitet; das leichte auf dem
Papier Haften diefer Materialien paßt zu der
geiftreichen aper^uähnlichen Form feines Sehens.
Die Kollektion zeigt zu dem Erwähnten noch den

Entwurf einer mythologifchen Szene: „Neptune
chassant les vents, fait appaiser la tempete“
und eine Landfchaftsftudie, Werke die eine
bereichernde Note in das Gefamtbild bringen.
Auf Watteau folgt Francois Boucher mit
15 Blättern. Geradezu beftechend find 2 große
Zeichnungen einer Dame in weißer Ätlasrobe,
einmal vom Rücken gefehen, ein zweitesmal
fchreitend in Seitenanficht nach rechts (beide
figniert und 1752 datiert). Kohle, mit weißer
Kreide in den Gewandteilen ftark gehöht und
Rötel in den Fleifchteilen, bringt den Eindruck
raufchender Eleganz ftark hervor — und dochfehlt
Boucher der intime Esprit Watteaus. Namentlich
in den Puttenköpfen und Puttengruppen kommt
die größere Derbheit Bouchers deutlich zum Äus-
trag. Von ihm dann noch hervorzuheben eine
in getufchter Sepia ausgefparte Chinoiferie und
2 mythologifche Szenen in lavierter Federmanier;
bei beiden Techniken ftaunt man über die
Sicherheit mit der troß der breiten Striche foviel
charme vermittelt wird.

Das moderne Äuge findet feine höchfte Be-
friedigung vielleicht aber erft in Fragonards
„Erziehung der Kinder der Herzogin von Cham-
bord“. Wie für Bouchers Gefchmack das fefte
Aufträgen von Kreidetönen charakteriftifch war,
fo lebt die erwähnte fragonardfche Zeichnung
von den leicht hingefeßten Farbentupfen und
dem hufchenden Pinfelzickzack. Man muß hier,
wenn man vorurteilslos zufchaut, unbedingt von
Impreffionismus reden, den man allerdings bei
dem Maler Fragonard nicht finden wird. Zwei
Rötellandfchaften mit italienifchen Ruinenmotiven
durch Staffagen wie eine „bascule“ und eine
Schäferfzene belebt begleiten feitlich das er-
wähnte Hauptblatt. Sonft ift Fragonard nur
durch Studien aus feiner italienifchen Zeit (Rom,
Neapel 1774) vertreten, die in intereffanter Weife
Auskunft geben über die Herkunft feines Kön-
nens.

Als 4. und 5. Hauptmeifter reihen fich Greuze
und Hubert Robert an. 10 Blätter von der ge-
fchickten Hand des erfteren bedeuten in diefem
Zufammenhang eine Decadence. Greuze ift von
einer geradezu unangenehmen Sachlichkeit feinem
Modell oder feinem Vorwurf gegenüber; natür-
lich geht das auf Koften der tedinifchen Mittel,
die nicht felbftzwecklich anmuten. Viel freier
find die 8 Blatt von Hubert Roberts Ruinen-
fantafien oder Ruineninterieurs. Zwifchen den
Werken diefer Einzelmeifter ftehen dann Ar-
beiten von Lancret, Pater, J. J. de Boiffieu,
Ignace Duvivier, J. B. le Prince, Moreau, La-
vreince u. a. m. und ergänzen in glücklicher Weife
diefe reizvolle Schau einer eleganten Zeit. Es

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