Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EIN NEU HUFGEFUNDENER TEPPICH

NÄCH RÄFFÄEL Von ERICH EVERTH

Durch Vermittlung eines Londoner Händlers erwarb Herr Legationsrat von Behr auf
Beftland in Pommern für feine Sammlung alter Gemälde in Berlin einen alten Wand-
teppich; der Verkäufer wollte den Namen des Vorbefifeers nicht nennen. Das Stück zeigt
eine figürliche Szene, die den raffaelifchen Gobelins mit der Darftellung des Todes des
Ananias gleich auf den erften Blick außerordentlich nahe steht.

Der neue Befitjer erinnerte fich fofort an die noch nicht veröffentlichte Folge von zehn
Teppichen in Loreto, im Palafte der Santa Casa, von denen acht Stücke nach Gegenftand,
Kompofition und Material (nicht ganz fo viel Gold- und Silberfäden enthaltend) Verfionen,
nicht Wiederholungen, der authentifch raffaelifchen Serie der zehn Teppiche im Vatikan
find. Wiederholungen der vatikanifchen Folge (wenn auch nicht mehr fo goldreich wie
lefstere) befinden fich in Berlin, Madrid und Wien, und diefe fchließen fich mit der Serie
im Vatikan eng an die Vorlage im Kenfington-Mufeum, die raffaelifchen Kartons, an.
Eine Folge gibt es noch von fechs Stücken folcher „Tapeten“, die aber erft aus dem
17. Jahrhundert ftammen und die die Dresdener Galerie bewahrt; dort fehlt der Tod des
Ananias, doch allem Änfchein nach gehört unfer Stück in diefe Lücke nicht, denn wie wir
hören werden, ift es als älter anzufprechen.

Die in Loreto alfo find Abwandlungen mit erheblichen Abweichungen und find doch
nicht jünger als die genannten Wiederholungen! Dort ift auch der Tod des Ananias vor-
handen und soll genau nach Größe und auch nach der Kompofition und Arbeit (die nicht
ganz fo forgfältig ift wie die der vatikanifchen) mit unferem Exemplar überein-
ftimmen! Das detailliert der bifchöfliche Archivar Pietro Gianuizzi in Loreto in einem
ausführlichen Schreiben: „Sowohl im ganzen wie in jeder kleinften Einzelheit find die
beiden Stücke völlig konform." (Der Unterfchied von wenigen Zentimetern in der Länge
beruhe offenbar auf einer Läfion. Auch einen Saum nämlich hat unfer Teppich nicht,
hat ihn aber dodi gewiß einmal gehabt, fo gut wie die in Loreto.) Seltfam: Und diefer
Findling ift allein, und unbekannt ift bisher, ob er einer Serie entftammt; vielleicht ein
Unikum.

Nun könnte man fragen: Ift er dem Loretaner Exemplar vielleicht einft nachgewebt,
oder gefchah das Umgekehrte und dann etwa eine Unterfchiebung der Kopie anftelle
des Originals gelegentlich der napoleonifchen Plünderungen? Denn zur Zeit von Paffa-
vant und von Crowe und Cavalcafelle hat das Stück in Loreto gefehlt. Doch eine
moderne Nachahmung fchien Herrn von Behr das jetjt in Loreto hoch hängende
Exemplar nicht zu fein. Vielmehr dürften beide Exemplare gleich alt und das unfere
ebenfo wertvoll fein, wie ein Stück aus jener Serie, in die es fo gut paffen würde.
In welcher Zeit wären darnach beide Exemplare entftanden? Dafür haben wir keinen be-
ftimmten Anhalt, denn die Santa Casa kam in den Befitj von neun der Teppiche, wor-
unter der mit dem Tode des Ananias war, erft am 8. Auguft 1667, fo berichtet der ge-
nannte Archivar. Doch waren die Sachen älter. Denn der Genuefer Giovanni Battifta
Pallavicino hatte fie während der Kriege in Flandern erworben und dann teftamentarifch
als Legat jenem Heiligtum vermacht. So ift es gar nicht verwunderlich, daß in den ver-
fchiedenen jefuitifchen Gefchichten der Santa Casa aus dem 17. Jahrhundert, mit ihren
riefigen Liften der Gefchenke, die dem Heiligtum gewidmet worden find, die Teppiche
nirgends Vorkommen, alfo z. B. in dem Buche von P. V. Martorelli so wenig wie in den
beiden Werken des Torfellino, nach allen mir vorgelegenen Ausgaben diefer drei Werke
(die letjte von 1614). Auch Direktor von Falke glaubt, wie mir Herr von Behr mitteilt,

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