Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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PERSONALIEN ° VERMISCHTES

[Achen fogenannten Traubenfpiegel hat ficher
auch Baktrien vermittelt. L. P.

PERSONALIEN

BERLIN Dem Wirklich Geheimen Oberregie-
rungsrat Dr. Wilhelm Bode wurde der Titel
eines Wirklichen Geheimen Rates mit dem Prä-
dikat Exzellenz verliehen.

KASSEL Die Ernennung Dr.Georg Gronaus
zum Direktor der Gemäldegalerie wird offiziös
bekannt gegeben. Damit hat das feit langem
währende Interim nach dem Rücktritt Eifenmanns
eine allgemein befriedigende Löfung gefunden.

Dr. Gronau, der gegenwärtig im 42. Lebens-
jahre fteht, lebte feit acht Jahren in Florenz und
gilt als einer der beften Kenner der italienifchen,
zumal der venezianifchen Renaiffance. Wir ver-
danken dem ausgezeichneten Gelehrten zahl-
reiche Einzelabhandlungen auf diefem Gebiete
und im befonderen größere Arbeiten über Tizian,
Leonardo da Vinci, Raffael, fowie die Künftler-
familie Bellini.

Die Ernennung Gronaus verdient noch be-
fonders den Hinweis, daß mit ihm feit langem
zum erftenmal wieder ein Nichtmufeumsfach-
mann an leitende Stelle für eine der wertvollften
deutfchen Galerien berufen wird.

MÜNCHEN Durch den zum 1. Januar er-
folgten Rücktritt Franz von Defreggers als Pro-
feffor an der Akademie der bildenden Künfte
ift dort ein wichtiger Lehrpoften freigeworden,
auf welchen dem Vernehmen nach Max Sle-
vogt berufen werden foll. Wenn fich das Mi-
nifterium wirklich hierzu entfchließt, wird eine
erfreuliche Verjüngung der Akademie gefchaffen
werden. Slevogt hat gegenwärtig eine kleine
Äusftellung in der modernen Galerie bei Tann-
haujer, die den Münchnern von neuem einen
Begriff diefer außerordentlichen Perfönlichkeit
vermittelt.

VERMISCHTES

RESULTATE EINER AMATEUR-
DEDEKTIVREISE NACH SOUTH-
AMPTON, die er „im Dienfte der Wahrheit“
unternommen hat, veröffentlicht Guftav Pauli
im B. T. Leider verhindert der „fchuldige Re-
fpekt“ vor Bode den verdienten Mufeumsleiter
nicht, feine Vorwürfe in einer Form und an einer
Stelle zu publizieren, für deren Wahl er felber
die Verantwortung nicht übernehmen kann.

Was uns am peinlichften berührt, ist die eigen-
tümliche Verteilung von Schatten und Licht auf
deutfdier und auf englifcher Seite. Wenn Pauli den
Auktionator Cookfeg in Southampton als großen
Kunftweifen und fogar Spezialkenner für ein be-
ftimmtes Gebiet anlobt, während er den Mut gehabt
hat an anderer Stelle verächtlich von der Ken-
nerfcbaft Bodes in Sachen Leonardos zu fprechen,
wenn er das Gutachten Rählmanns durch eine
nicht eben fympathifche Änfpielung auf das Älter
diefes Sachverständigen lächerlich zu machen
fucht, während Lucas jr. troß feiner 81 Jahre
fich felbftredend einer echt englifchen Geiftes-
frifche erfreut, wenn er alle Gelehrten in der
Florafache als befangen ausfcheiden will, die
irgendwie mit dem Kaifer Friedrich-Mufeum in
Beziehung ftehen, während in England — troß
der notorifchen Deutfchenfrefferei des
Herrn Cookfey und troß der peinlichen
Auktion von Werken Lucas’ — alle unfach-
lichen Motive eo ipso in Wegfall geraten, fo ift
es an der Zeit fein Verfahren als nationale
Selbftentmannung zu charakterifieren.

Daß die Flora-Affäre von einem deutfchfeind-
lichen Manne infzeniert ward, daß fie von einer
Reihe englifdier Blätter lediglich aus dem Grunde
aufgegriffen worden ift, weil fie Gelegenheit zur
Deutfchenheße gab, füllte Pauli auf feiner Detek-
tivreife doch auch gelernt haben. Wenn nicht, fo
mache ich mich anheifchig, ihm handgreifliche
Zeugniffe dafür aufzuweifen.

Wie weit das Gedächtnis des ganz unter Cook-
feys Einfluß ftehenden Lucas jr. zuverläffig ift,
kann niemand beurteilen. Soviel aber wiffen
wir, daß die Ereigniffe, um die es pch handelt,
weit über ein halbes Jahrhundert zurückliegen
und uns in den Details ungenau und wider-
fprechend überliefert worden find. Sodann
aber haben wir doch das corpus delicti
felber, die Büfte. Von ihrer materiellen und
ftiliftifchen Unterfuchung auszugehen, ift, wo die
juriftifchen Zeugniffe nicht konkludent find, Auf-
gabe von Sachverftändigen1 und Kunstkritikern.
Die Zeugniffe derer, die vornehmlich in Betracht
kommen: Wölfflin, Gronau, Strzygowski, Weiz-
fäcker, Dehio, Seidliß, Goldfchmidt, ferner münd-
liche Äußerungen zahlreicher anderer Gelehrten
lauten günftig für die Echtheit; demgegenüber
wiegt das, was Pauli über die Qualität der Büfte
bemerken zu müffen glaubt, federleicht.

1 Warum bringt Pauli den bekannten Reftaurator
Fdlix Joubert, defTen Können er felber fo hoch anfdilägt,
in der Reftaurierungsfrage vor, ohne zu erwähnen, daß
fich Joubert als einer der erften aufs Unzweideutigfte für
die außerordentliche Qualität und das Alter der Büfte
nebft ihrer Bemalung ausgefprodien hat (Times 25. X. 09)?

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