Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES o LITERATUR

* Der Kun ft verein für die Rheinlande
und Weftfalen hat in feiner kürzlich ftatt-
gehabten 81. Jahresverfammlung einen Beitrag
zur malerifchen Äusfchmückung einiger öffent-
lichen Bauten beftimmt, fo für die Äusfchmückung
des Landeshaufes, die Prof. Münzer übertragen
worden ift. Der Verein erwarb u. a. auch ein
Madonnenbild von Ä. Diemke, das der St. Än-
toniuskirche in Düffeldorf-Oberkaffel überwiefen
wurde. Außerdem wurden zur Verlofung für
56 000 M. Kunftwerke angekauft, alles Zeichen
von dem erfreulichen finanziellen Aufftieg des
Vereins und dem wachfenden Kunftintereffe in
diefen beiden Provinzen.

LITERATUR

Das Goethe-Nationalmufeum zu Wei-
mar. Große Ausgabe des Führers im Aufträge
der Direktion bearbeitet von Dr. M. Schuette.
Leipzig, Infel-Verlag 1910.

Der neue Katalog erfüllt endlich einen Wunfch,
den alle Befucher des Goethe-Mufeums feit den
erften Tagen der Eröffnung gehegt haben. Äußer
der vollftändigen, grundlegenden, aber fürprak-
tifche Zwecke kaum verwendbaren Material-
fammlung des alten Schuchardt („Goethes Kunft-
fammlungen.“ 1848. 3 Bde.) exiftierte bisher nur
die kleine Schrift von Robert Keil und das Heft-
chen, das der erfte Direktor der Sammlung,
Carl Ruland, perfönlich uns allen unvergeßlich
als treuer, ftets hilfsbereiter Hüter jener koft-
baren Schüße, verfaßt hat. Beide genügten
nur den Ansprüchen, die ein „eiliger“ Befucher
an eine knappe Aufzählung des Unentbehrlichften
zu ftellen pflegt.

Mit Pietät allein wars hier auch nicht getan.
Es bedurfte einer kritifchen Mufterung der von
Ruland allzu liberal behandelten Beftände, in
die ßch außer manch frechem modernen Ein-
dringling, wie den Panoptikumsprodukten von
Eberlein und Fleifcher, die jeßt in die Rumpel-
kammer gewandert find, auch mancher Fremd-
ling eingeniftet hatte, der zwar feinen Stamm-
baum aufweifen konnte, fich aber doch innerhalb
des Haufes einen Plaß angemaßt hatte, der ihm
nicht zukam. Die gründliche und wegen des
großen Arbeitsaufwandes in allerhöchftem Sinne
„pietätvoll“ zu nennende Scheidung von Spreu
und Weizen, die wir Koetfchau verdanken, ift
feinerzeit nach Gebühr allerorten gewürdigt
worden. Hier foll nur dem neuen Katalog nach-
gerühmt werden, daß er ganz im Geifte diefer
von Ehrfurcht und Kritik geleiteten Neuordnung
des Mufeums abgefaßt worden ift.

Dr. Marie Schuette, die von Anbeginn der
neuen Ära (Winter 1907/8) an als Hilfskraft dem

Direktor zur Seite ftand und, wie ihre Äuffäße
über die Kunft jener Tage beweifen, mit der
bisher überhaupt kaum gepflegten wiffenfchaft-
lichen Detailbehandlung der Kunft des Goethe-
fchen Kreifes aufs engfte vertraut ift, hat in
diefem offiziellen „Führer“ eine Arbeit geleiftet,
die in jeder Beziehung muftergültig genannt
werden muß. Zur Abfaffung eines Kataloges
des Goethe-Mufeums gehört mehr als die nicht
allzufchwer erlernbare Routine, die fich jeder
junge Mufeumsaffiftent im Lauf der Jahre in der
täglichen Beftellung des ihm angewiefenen eng
umgrenzten Arbeitsfeldes aneignen kann. Mit
der unentbehrlichen „Kennerfchaft“ allein ifts
hier nicht getan, wo es fich darum handelt, das,
was ein allumfaffender Geift in feinen Intereffen-
kreis, ja in feine ftändige perfönliche Nähe zog,
zu fichten und zu befchreiben. Italienifche
Bronzen und Majoliken, antike Äbgüffe, nieder-
ländifche une deutfche Kupferftiche, Medaillen
und Gemmen, moderne Kunft und taufend pri-
vate Raritäten waren unter dem zentralen Ge-
fichtspunkt der Perfönlichkeit des Sammlers felbft
zu behandeln. Ein jedes Objekt war in doppelter
Hinficht zu prüfen, einmal auf feinen allgemeinen
Wert als Kunftwerk, dann nach feiner befonderen
Bedeutung als Sammelobjekt Goethes. Um diefe
Aufgabe zu löfen, mußte fich kunftkritifche Kennt-
nis in der Behandlung des vielverzweigten De-
tails mit Beherrfchung der großen geiftigen
Gefichtspunkte verbinden, unter denen Goethes
Mufeum als das Refultat fechzigjähriger Be-
mühungen des univerfellften Sammlers entftanden
ift, den die Gefchichte kennt.

Die Verfafferin hat fich diefer Aufgabe mit
größter Sachkenntnis und feinftem Takt ent-
ledigt. Knappheit und abfolute Zuverläffigkeit
der Angaben, fowie Freiheit von allem entbehr-
lichen Raifonnement in den ausführlichen Partien
des Textes find die Hauptqualitäten diefer Ar-
beit. So ift ein Katalog entftanden, in dem man
lefen kann. Von wieviel Mufeumskatalogen
kann man das behaupten?

Der Infel-Verlag hat diefem Inhalt durch treff-
liches Papier, klare Typen, fowie feiten fchöne
und warme Lichtdrucke ein würdiges Gewand
gefchaffen. Sehr originell und dankenswert ift
die Beigabe von kleinen Überfichtstäfelchen der
einzelnen Wände, die dem Befucher das Orien-
tieren erleichtern und zugleich eine treffliche
Stüße für das Gedächtnis bieten.

Edmund Hildebrandt.

Het Rijksprentenkabinet te Amsterdam.
Uitgegeven onder leiding van J. Ph. van
der Kellen Dzn. door W. Versluys te Am-
sterdam. Diefe fchon vor einiger Zeit er-

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