Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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LITERATUR

fchienene Sammlung von Reproduktionen kann
gewiffermaßen als eine Ergänzung zu der von
E. W. Moes beforgten Handzeichnungenpubli-
kation des Ämfterdamer Kabinetts gelten, in-
fofern als fie ein größeres Publikum vornehm-
lich mit den reichen Schaßen des Kabinetts an
graphifchen Werken bekannt machen und
zu weiterer Befchäftigung mit diefem Kunftzweig
anregen will. Das zur Verwendung gelangte
Lichtdruckverfahren eignet fich zur Reproduktion
der verfchiedenartigen Erzeugniffe der Kupfer-
ftichkunft befonders gut, und zahlreiche der in
diefer Sammlung enthaltenen Abbildungen wir-
ken faft genau fo wie die Originale. Da es fich
um eine für weitere Kreife beftimmte Publika-
tion handelt, fo mußte der Herausgeber bei der
Auswahl der einzelnen Blätter in der Haupt-
fache fich vom rein künftlerifchen Werte der
betreffenden Stücke leiten laffen. Nur in ver-
einzelten Fällen hat das kunftgefchiditliche In-
tereffe oder die Seltenheit eines Blattes feine
Reproduktion beftimmt, was den guten Gefamt-
eindruck durchaus nicht beeinträchtigt, gerade
dem Fachmann vielmehr fehr erwünfcht ift. Auch
wurde fo eine Mannigfaltigkeit des Materials
erzielt, die für jeden das Betrachten des Inhaltes
der Mappe zu einem anregenden Genuß macht.
Es würde zu weit führen, hier ein vollftändiges
Verzeichnis der reproduzierten Blätter geben zu
wollen. Natürlicherweife find die Meifter der
holländifchen und vlämifchen Schule in der Über-
zahl, aber auch von einigen Deutfchen, Italienern,
Franzofen und Engländern finden fich Arbeiten
vor. Von den beiden erfteren find alle wich-
tigen Meifter vertreten, wie L. v. Legden, Golßius,
C. Viffcher, J. d. Ghegn, J. v. d. Velde, B. a Bols-
wert, H. Seghers, Rembrandt, A. v. Oftade,
Potter, Ruisdael, Blooteling ufw. und fo auch
die verfchiedenartigen Techniken der Kupfer-
ftichkunft. Herausheben möche ich aus den rund
100 Blättern, die zum großen Teil in der Größe
der Originale reproduziert find, die fünf Ab-
bildungen nach Hercules Segers (die große Eiche,
drei Älpenlandfchaften, zwei Baumftudien), von
deffen feltenen Radierungen Amfterdam be-
kanntlich die größte Sammlung befißt. Ferner
ein Unikum des Ämfterdamer Kabinetts, eine
26,5X1^6,5 cm große prächtige Anficht von
Amfterdam vom Jahre 1606, die bislang dem
Johannes Saenredam zugefchrieben wurde, als
deren wirklichen Autor Ph. v. d. Kellen Dzn.
aber im leßten (4.) Heft des Bulletins v. d. Ned.
Oudhk. Bond den nur wenig bekannten Zeichner
und Stecher Hans Rem feftgeftellt hat. — Außer
den in großer Mehrzahl befindlichen graphifchen
Blättern enthält die Mappe auch einige Hand-
zeichnungen, welche Arbeiten von van Gogen,

Pieter Jansz Saenredam, R. Saverg, R. Rogh-
man u. a., denen durch die einfarbige Repro-
duktion in ihrer künftlerifchen Wirkung kein
allzugroßer Abbruch getan wird. — Der Preis
der 12 Lieferungen zufammen in eleganter Mappe
beträgt 35 fl. Ein Vorzug ift es, daß auch
einzelne Blätter zum Preife von 1 fl. erhältlich
find. Es ift zu wünfchen, daß die Sammlung
fortgefeßt wird. K. F.

The etched Work of Jozef Israels. An
illuftrated Catalogue bg H. J. Hubert. Ämfter-
dam. Scheltema en Holkemas Boekhandel.

Die Reihe der in vornehmfter Buchausftattung
erfchienenen Oeuvrekataloge neuerer Meifter hat
H. J. Hubert durch feinen Katalog der Radie-
rungen J. Israels um einen bemerkenswerten
Band vermehrt, und jeder Bücherliebhaber, der
ein Buch auch um feiner felbft willen zu fchäßen
weiß, wird dem Verfaffer dafür geziemend Dank
wiffen. Befonders in diefem Falle, da es fchei-
nen möchte, als deckten fich die Qualitäten des
befchriebenen Meifters nicht fo völlig mit dem
Aufwande des befchreibenden Buches.

Es mag wohl angezeigt fein nach den Tiraden
der Begeiferung einmal kühleren Sinnes an
diefen Künftler heran zu gehen. Ein zweiter
Rembrandt fei hier erfanden; fo wird ver-
fichert. Es muß doch eine Art von Maffenfug-
geftion vorliegen; wie könnte fonft ein Kreis
von gebildeten und künftlerifchem Gefchmack
begabter Menfchen folchen Äußerungen Beifall
zollen? Wohlgemerkt — wir fprechen vom
Radierer Israel; über den Maler wollen wir
unfer Urteil fparen. Hat doch erft kürzlich R.
Muther diefen charakterifiert als den Juden, der
das Ghetto in der Bruft trägt, der in den Nied-
rigen undBeladenen feine eigene Jugendgefchichte
und die Gefchichte feines Volkes malt. Ein
hohes Lob fürwahr, für den Künftler, daß er
feinen echteften Gefühlen künftlerifchen Aus-
druck verleihen kann.

Ob man aber dem Künftler zu Gefallen han-
delt, wenn man die mit zittrigem Stift auf die
Platte gekrißelten Skizzen, wie fie uns vorliegen,
zu einem Oeuvreband vereint? Was fagen
uns diefe Blätter von Israels? — Daß er zu-
weilen auch fehlerhaft zeichnen kann. Wir
fchlagen auf Nr. VI. Girl with a spade. Woran
roll man fich da halten, um dem Kunftwerke
gerecht zu werden; das Sujet kanns doch wohl
nicht fein. Von einer Raumwirkung, wie fie
etwa Pennel fo überzeugend zum Ausdruck
bringt, von einer fuggeftiven Realiftik wie fie
Brangwyn eigen ift, vom Duft einer Zeichnung
Shannons geftehen wir nichts entdecken zu
können. Daß Israels den Stift beherrfcht, will

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