Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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FUNDE UND ENTDECKUNGEN

Neubau eines geplanten Poftgebäudes zum Opfer
fallen. Gegen diefen Plan, der das fchöne Portal
dem Neubau angliedern will, unter Befeitigung
der von dem Modenefer Architekten Poletti ge-
fchaffenen Faffade, haben die Abgeordneten Bar-
nabei, Galli und Cirmeni in der Kammer pro-
teftiert. Der von Colamarini entworfene Bau-
plan ift jeßt dem Configlio Superiore di Belle
Ärti unterbreitet worden. W. B.

PRÄG Die Karl Borromäuskapelle und das
italienifche Waifenhaus (beide im Jahre 1617
errichtet) füllen demoliert werden. Die Zentral-
kommiffion fpricht fich auf das nachdrücklichfte
dagegen aus; denn es handelt fich um kunft-
hiftorifch fehr beachtenswerte Denkmale mit
überaus wertvollen Stukkaturen. Ferner würde
durch die Demolierung das Bild des fchönen
Piaßes auf der Kleinfeite vollkommen zerftört
werden.

RÄTSCHÄCH (Kärnten) Bei Demolie-
rung der Pfarrkirche wurden Wandmalereien
aufgedeckt. Wie die vorgenommene Unter-
fuchung lehrte, war die Kirche im Innern gänz-
lich bemalt; doch ging der größte Teil der
Malerei bei der fpäter erfolgten Einwölbung
(an Stelle der früheren flachen Decke) und dem
Ausbruche neuer Fenfter zugrunde. Die noch
vorhandenen Malereien waren in fehr fragmen-
tarifchem Zuftand erhalten; relativ am beften
präsentierten fich die über den Gewölben am
Dachboden befindlichen Partien; hier fah man
an der rechten Wand des Schiffes ein Blatt-
ornament und unterhalb ein Rautenornament,
die Umrahmungen für figürliche Darstellungen;
von letzteren waren nur die oberen Teile der
Köpfe mit Nimben und hie und da ein Stück
der Gewandung erhalten. Die Malereien ftam-
men aus dem Ende des 15. oder dem Anfänge
des 16. Jahrhunderts. Im Hinblicke auf die
rudimentäre Erhaltung der Malereien glaubt die
Zentralkommiffion von einer fehr koftfpieligen
Abnahme derselben abfehen und fich mit der
Herftellung photographifcher Aufnahmen be-
gnügen zu Jollen.

FUNDE ♦ ENTDECKUNGEN

EIN UNBEKANNTER VAN DYCK

Ein bisher unbekanntes Doppelbildnis des Rubens
und van Dyck von der Hand des letzteren, das
fich in der Sammlung des Barons Schlichting zu
Paris befindet, veröffentlicht Dr. E. Schaffer fo-
eben im Jahrbuch der preußifchen Kunftfamm-
lungen. Diefcs Doppelbildnis ift nicht nur ein
wertvolles Perfönlichkeitsdokument, fondern auch

als das ältefte der uns von van Dyck über-
kommenen, eine wichtige Stufe in der Entwick -
lungsgefchichte feines Schöpfers. Noch vermag
hier der kaum Zwanzigjährige nicht, die Ge-
walten zwanglos dem Raum einzuordnen. Der
Schüler drückt feinen großen Lehrer faft in die
Ecke, und auch der feelifche Kontakt zwifchen
dem Mann und dem Jüngling fehlt faft gänz-
lich. Aber eine goldig leuchtende Helligkeit
umfpielt die beiden Köpfe, und wie des Rubens
prachtvoller Schädel fich vom fatten Rot des
Vorhanges, das Haupt van Dycks vom weichen
Dunkelblau der Luft fich abhebt, wie das filberne
Grau im Atlasgewande des Jüngeren und der
fchwarze Pelzbefaß beim Mantel des Älteren
einander in der Wirkung unterftüßen, darin
offenbart fich van Dyck bereits als jenes Mal-
genie, deffen Bilder bald ebenfo gefeiert wer-
den follten wie die des Rubens. Eine Studie
für fein eigenes Porträt im Straßburger Mufeum
beweift, wie forgfältig van Dyck das Doppel-
bildnis vorbereitete. Und weil van Dyck hier
nicht den Malerfürften, fondern feinen väter-
lichen Freund porträtierte, fo durfte er auch die
Blöße des Hauptes zeigen, die der alternde
Meifter in feinen Selbftbildniffen ftets durch
einen breitkrämpigen, tief in die Stirn gedrückten
Hut den Blicken der Menge verbarg. Dies
Rubensporträt hat van Dyck viele Jahre fpäter
noch für feine Ikonographie benußt. Vielleicht
ift das Doppelbildnis entftanden, als van Dyck,
1620 zum Hofmaler Jakobs I. ernannt, nach
London ging und von feinem Lehrer Abfchied
nahm, vielleicht hat damals der junge Künftler
die koftbare Erinnerung an feine Tätigkeit unter
den Äugen eines folchen Meifters im Bilde feft-
halten wollen, damit er es wie einen Talisman
mit fich in die Fremde tragen konnte. In Ru-
bens Befiß hat es fich jedenfalls nicht befunden.
Aber auch der Schüler wird des Anblicks nicht
lange haben froh werden können. Denn feine
Freundfchaft mit Rubens hatte bald ein Ende
genommen. Rn.

EIN VERLOREN GEGLAUBTER
REMBRÄNDT? ImV. Heft der polnifchen
Vierteljahrsfchrift „Lamus“ lenkt Herr Zygmunt
Batowski dieÄufmerkfamkeit auf ein verloren ge-
glaubtes Werk des jugendlichen Rembrandt, das
vielleicht als wiedergefunden betrachtet werden
darf. Es handelt fich um ein unfigniertes Ge-
mälde (doublierte Leinwand, Größenmaß 57x49
Zentimeter), leider in fehr traurigem Zuftande,
welches fich feit vorigem Jahre als Depofit in
der Lemberger Galerie der Grafen Dziedufzycki
befindet. Das Bild ftellt einen alten Mann im
Käppchen und goldgelben orientalifchem Gewand

Der Cicerone, II. Jahrg., 14. Heft. 37

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