Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DER KUNSTMÄRKT —von den Auktionen

DIE SAMMLUNG LÄNNÄ Zweiter
Teil: Handzeichnungen alter Meifter und Kup-
ferftiche.

Vom 6. bis 11. Mai findet bei H. G. Gute-
kunst-Stuttgart die Verweigerung der Hand-
zeichnungen des verdorbenen Ä. von Lanna
nebft den Dubletten und spätem Blättern unter
den Kupferftichen ftatt.

Diefe Auktion ist gleich den vorhergehenden
Lanna-Verweigerungen ein Ereignis
erften Ranges für den Kunftmarkt; die
auf ihr erzielten Summen dürften für
die zukünftige Preisbildung ausfchlag-
gebend fein, befonders auf dem enge-
ren Spezialgebiete Lannas, der alt-
deutfchen Kunft.

Gleich die an erfter Stelle unter den
Lichtdrucken des reichilluftrierten Kata-
loges gebrachte Kreuzigung Chrifti (Nr. 3)
ift ein in der Altdorfer-Literatur viel-
genanntes, bedeutendes Blatt. Das Alt-
dorfer-Monogramm, obgleich fcheinbar
alt, weift freilich in die Irre. Die Kom-
pofition ift für diefen feinen, zartenMei-
fter zu gewaltfam, die Geftalten zu
fkurril, der Strich zu feft und rundlich.

Viel näher fteht die Zeichnung dem
Paffauer Meifter Wolf Huber, doch
wäre eine direkte Zufchreibung an ihn
zu gewagt. Es gibt übrigens mehrere
Repliken des Blattes, davon die im
Berliner Kupferftichkabinett aufbewahrte,
mit dem Monogramm J. S. und der
Jahreszahl 1511 bezeichnete dem Lanna-
Exemplar mindeftens ebenbürtig.

Die weiteren unter der Rubrik „Albrecht
Altdorfer und Schule“ verzeichnten Blät-
ter Wnd fämtlich — bis auf Nr. 5 — vom
Meifter felber, z. T. Hauptarbeiten des
Künftlers wie Nr. 7, der „wilde Mann“.

Nr. 5, der „Traum des Paris“, ift ein
höchft charakteriftifches Werk aus dem
Kreije des Donauftiles, deffen Urheber
zu ermitteln lohnend wäre.

Sehr intereffant ift eine Anzahl ano-
nymer altdeutfcher Zeichnungen des 15.
Jahrhunderts, von denen wir die im Katalog
nicht reproduzierte Nr. 21 (Vorder- und Rückfeite)
hier bringen. In der Albertina-Publikation wird
das technifch ebenfo wie künftlerifch eigenartige
Blatt für „baslerifch um 1450“ erklärt, wohl
wegen gewiffer Ähnlichkeiten mit Konfat Wil}.
Ich kann einer fo eng gefaßten Lokalifierung
nicht beipßichten. Nichts hindert den Zeichner
vielmehr in Oberfchwaben oder um den Bodenfee
herum zu suchen; ja mir fcheint, daß für die

Lokalifierung in Augsburg oder Ulm mancherlei
fpricht. Man vergleiche die Abbildungen des
Lannablattes mit der Kreuztragung Chrifti, die
wir nach der Fakfimilereproduktion in den
Weigelschen Handzeichnungen wiedergeben: man
findet eine höchft verwandte Technik, ähnliche
Pofen, Koftüme, Hände und Typen (hier be-
sonders die durch leere Kreife angegebenen
Äugen), derart, daß man fich gezwungen fieht

genau diefelbe künftlerifche Richtung wenn
nicht gar den gleichen Urheber — anzunehmen.
Die Weigelzeichnung aber fteht ihrerfeits den
ftark reftaurierten Fresken der Goldfchmieds-
Kapelle zu St. Anna in Augsburg auffallend
nahe. - Zudeffen, ich teile diefe Beobachtungen
hier ganz unverbindlich mit, ohne beftimmte
Folgerungen daraus ziehen zu wollen.

Unter den Altdeutfchen ragen weiterhin hervor:
Hans Baidung Grien (mit 4 Blatt), Barthel
und Sebald Beham (erfterer mit der vorzüg-


Enthauptung Johannis des Täufers. Federzeichnung.
Oberdeutfch um 1440. Auktion Lanna am 6.—11. Mai

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