Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES

WIEN Hier ipt am 16. März Jofef Alexan-
der Freiherr von Helfert im 90. Lebensjahre
geftorben. Seit 1867 war Helfert Präfident der
Zentralkommiffion für Kunft- und hiftorifche
Denkmale und hat noch vor einigen Wochen
dem Herrenhaus einen Entwurf für ein Denkmal-
fchutjgefefs überreicht.

Dem Privatdozenten für allgemeine Kunft-
gefchichte an der k. k. Technifchen Hochfchule
Dr. Hermann Egger wurde der Titel eines
außerordentlichen Profeffors verliehen.

VERMISCHTES

CHEMIKER UND KUNSTHISTO-
RIKER ÜBER WÄCHS UND BE-
MÄLUNG DER FLORÄBÜSTE. Die

Tagesblätter brachten vor kurzem die Nachricht,
daß eine von Dr. Georg Pinkus vorgenom-
mene Unterfuchung des Florawachfes mit Be-
ftimmtheit den modernen Urfprung der Büfte
dargetan habe. Allein dem „Nachweis“ folgten
faft auf der Stelle lebhafte Protefte von feiten
zahlreicher Chemiker; von den Hauptpunkten
der Pinkusfchen Unterfuchungen blieb fchließlich
nur die zweifellos wichtige Feftftellung beftehen,
daß dem Wachs der Flora Walrat (Spermaceti)
zugefefet worden ift, ein animalifcher, beim
Walfifchfang gewonnener Stoff, den man jedoch
in allen hiftorifch bekannten Zeiten gekannt hat
und für den es zahlreiche literarifche Belege
gibt, während Pinkus nur von feinem Vorkom-
men nach 1700 Befcheid zu geben wußte.

Der verunglückte Modernitätsbeweis, der von
der Antibodepreffe fofort mit „vernichtenden“
Kommentaren aufgenommen wurde (voran das
B. T., das hinterher natürlich zu demen-
tieren „vergaß“), mußte die Erinnerung an
die Unterfuchungen Rählmanns wecken, die
wir feinerzeit erwähnten, ohne fie an diefer
Stelle ihrem genauen Inhalte nach wiederzugeben.
Auch das Rählmannfche Gutachten hat, wie be-
kannt, Widerfpruch gefunden, allerdings - der
Unterschied ift wichtig — nicht von feiten der
Fachchemiker fondern von jener, der notorifch
bodefeindlichen Tagespreffe, fowie von feiten
Guftav Paulis, der im B. T. das Gutachten des „ge-
lehrten Herrn“ mit Ausdrücken wie „geradezu
erheiternd“ und „gänzlich haltlos“ bedachte.

Anders urteilen die Fachchemiker. Herrn Dr.
Richard Kißling fchienen im Gegenteil die Ein-
wände Paulis „nicht nur vom chemifchen, fon-
dern auch vom Standpunkte der Logik aus wenig
ftichhaltig zu fein“; er wandte fich darum an
Prof. Rählmann, deffen Antwort wir hier im

Auszüge aus der Wefer-Zeitung abdrucken, weil
fie über die Frage der Bemalung der Büfte
kürzer und klarer als alles bisherige orientiert.

Es heißt darin:

„Die mikrofkopifchen und mikrochemifchen Un-
terfuchungen haben ergeben, daß als Haarfarbe
eine Farbflechte (Roccella Tinct.) benu^t ift, ein
Farbftoff, der im 15. und 16. Jahrhundert viel in
der Malerei verwandt wurde — und zwar in
Subftanz zerrieben als Farbpulver. — Ich fand
ihn fo verwendet bei zwei oberitalienifchen
Meiftern des 16. Jahrhunderts, dann bei Meifter
Bertram und neuerdings bei einem italienifchen
Bilde des Frans Floris. — In genau derfelben
technifch fehr raffinierten Weife, wie auf den
erwähnten alten Bildern, ift der Farbftoff bei
dem Gewand der Florabüfte benutzt, um als
Unterlage des Blau auf dem Wachs zu dienen.
Diefer eigentümliche, überaus charakteriftifche
Farbftoff ift aber im 19. Jahrhundert in der
Malerei nicht mehr verwendet.

Dr. Pauli weift darauf hin, daß er noch zur
Zeit des Lucas in der Färberei benutzt worden
ift (zum Färben von Wolle und Seide). Aber
zu diefem Zwecke benujjte man ausfchließlich
den Extrakt (Orfeille) — die wäfferige Ab-
kochung der Kräuter, während in der alten Ma-
lerei und ebenfo bei der Florabüfte die Kräuter
d. h. die Flechtenfubftanz felbft (gepulvert) ver-
wandt worden find. — Dazu kommt, daß die
Technik der Anwendung der Roccella-Subftanz
unter dem Gewandblau eine ganz raffinierte ift,
welche nachzuahmen auch einem gefchickten
Künftler heute unmöglich fein dürfte, felbft wenn
ihm das Material zur Verfügung ftände. Es
kommt hier eben nicht nur auf das Material
an, welches angewandt worden ift, fondern
auch auf die Art und Weife, wie es verwendet
wurde.

Das gleiche gilt von dem Einwurfe Paulis be-
treffs der Lafuren. Die von mir bei der alten
Kunft charakteriftifch feftgeftellte Schichtenmalerei
ift aber technifch nnd vor allem optifch etwas
ganz anderes, als die Lafurmalerei, die wie
Pauli bemerkt und ich niemals beftritten habe,
zu allen Zeiten gebräuchlich war. Wenn aber
Dr. Pauli als Sachverftändiger die Schichtenma-
lerei der Alten nicht kennt (das foll nicht etwa
im Sinne eines Tadels aufgefaßt werden, denn
das Mikrofkop hat fie erft aufgededct), wie
foll dann Lucas fie gekannt und zur Fälfchung
benujjt haben?

Aber es handelt fich nicht allein um die An-
wendung der fo eigentümlichen als Haarfarbe
benufjten und dann unter dem Gewandblau (ganz
fo wie bei den alten Malern unter Gold ufw.)

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