Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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IL BEL SÄN GIOVÄNNI Mit 3 Abbildungen

ZUR RESTÄURÄTION DES FLORENTINER BAPTISTERIUMS

Nachdem faft20Jahre lang ein gewaltigesGerü[t
die Befichtigung der ehrwürdigen Mofaiken
unmöglich gemacht hat, welche die Kuppel des
Baptifteriums zieren, find vor einigen Monaten die
leßten Gerüfte in der Chornifche befeitigt worden,
und der Befucher des „bei San Giovanni“ kann
je^t unbehindert das Studium des ganzen inter-
effanten Bilderfchmuckes unternehmen. Die über-
mäßig lange Dauer der Reftaurationsarbeiten hat
ihren Grund in der Langfamkeit, mit der hier-
zulande die Entfchlüffe der Behörden reifen.
Schon im September 1885 wurde von dem Dom-
architekten Luigi del Moro ein Entwurf für die
Konftruktion des Gerüftes eingereicht. Zwei Jahre
fpäter begann der Bau desfelben, dann folgten
endlofe Verhandlungen mit dem Minifterium, bis
fchließlich im Juni 1898 der Wiederherftellungs-
plan des Nachfolgers Del Moros, des energifchen
und verdienftvollen Architekten Caftellucci, die
minifterielle Genehmigung erhielt. Die Äusbeffe-
rung der Mofaiken wurde dem Regio Opificio delle
pietre dure übertragen, während Caftellucci die
nicht minder wichtigen architektonifchen Wieder-
herftellungsarbeiten zu leiten hatte. In wie trau-
rigem Zuftande fich die Mofaiken befanden, geht
fchon aus der Tatfache hervor, daß drei Bild-
felder vollftändig zerftört waren und nach mo-
dernen Entwürfen neu ausgeführtwerden mußten.
Nach der foeben erfolgten Befestigung der Orgel,
die Teile der Mofaiken verdeckte, find Evan-

geliftenfiguren mit ihren Symbolen und ein Ägnus
Dei zum Vorfchein gekommen.

Die Gefamtkoften beliefen fich auf 135000 Lire,
und über 30000 Arbeitstage wurden den Helfern
am Werke bezahlt. Die fchon feit dem Februar
1908 reftaurierte innere Oberfläche der Kuppel
beträgt 1039 Quadratmeter, die der Halbkuppel
des Chores 120 Quadratmeter.

Eine fteile, finftere Wendeltreppe führt zum
oberen Umgang, dem „Matronaio“, und bis in
die Kuppel hinein, deren Konftruktion Brunel-
lefchi beim Bau der Domkuppel als Modell ge-
dient hat. Caftelluccis kühne Theorie, daß einft,
wie noch jeßt beim Baptifterium zu Volterra,
das Rund der Kalotte nach außen in die Er-
fcheinung getreten fei, muß mit einiger Referve
wiedergegeben werden. Immerhin hat die Än-
ficht des Domarchitekten, daß fchwere Schäden,
verurfacht durch den ungeheuren Druck auf die
zu fchwachen Mauern fchon bald nach der Er-
bauung die Konftruktion von mächtigen Strebe-
pfeilern erforderlich machten, deren häßlicher
Anblick alsdann zu der jeßigen Form des oberen
Abfchluffes Veranlaffung gab, manches für fich.
Bekannt ift, daß bis zum Cinquecento das Dach
des Baptisteriums mit Blei gedeckt war und daß
es erft fpäter fein malerifches Marmordach er-
hielt. In neueren Zeiten find noch mehrmals
Reftaurationen vorgenommen worden, und koft-
bares Material hat man zum Äusbeffern des

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Grundriß des alten Hochaltars des Baptifteriums zu
Florenz nach der Rekonftruktion Caftelluccis
(Maße: Höhe 1,16 m, Länge 2,34 m, Breite 1,34 m)
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