Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHHU — Sammlungen

EIN ALTDEUTSCHES ÄLTÄR-
WERK IN DER STUTTGARTER
GALERIE Die Staatsgalerie zu Stuttgart
hat die gemalten Flügel eines großen Wandel-
altars erworben, der aus der Kirche der Johan-
niterkommande zu Rohrdorf an der Nagold
ftammt und bisher in der katholifchen Kirche zu
Gündringen Oberamts Horb aufgeftellt waren. Das
ikonographifche Thema des Ältarwerks ift ähn-
lich dem des Hochaltars im Klofter Blaubeuren:
innen auf Goldgrund ein Marienleben: Verkün-
digung, Chrifti Geburt, Anbetung der Könige,
Tod Mariä; außen auf gemaltem Hintergrund
Szenen von den beiden Johannes: Taufe Chrifti,
das Mahl des Herodes (Salome mit dem Haupte
des Täufers auf der Schüffel), Johannes auf
Patmos. Das erfte Bild der Johannisfolge fehlt.
Das Bild der Taufe ift größtenteils zerftört. Die
übrigen, mit Ausnahme des Patmosbildes, find
1867 von Lang in Ulm reftauriert worden. Die
Flügel waren 1,65 m breit, 2,80 m hoch. An
dem ungeteilt erhaltenen ift ein oberes Eckftück
ergänzt. Vermutlich war darauf, bei derÄnbetung
der Könige, ein Prophet in Halbfigur gemalt. Von
dem Hochaltar find an Ort und Stelle, in Rohr-
dorf, zwei überlebensgroße, 1853 neugefaßte
Holzfiguren erhalten, Maria mit dem Chriftkind,
auf der Mondfichel ftehend, und Johannes d. T.
Auf der Rück feite des Muttergottesbildes fteht eine
Infchrift mit der Jahreszahl 1485 und dem Namen
des Stifters, eines Komthurs Jörg Bombaft v. Ho-
henheim (eines Verwandten des Paracelfus).
Damit find auch die Gemälde datiert. Aus der
bloßen Befchreibung der Bilder, mit ihren vielen
realiftifchen Einzelheiten und dem fchwachen
Ausdruck des feelifchen Lebens hat Fr. Haack
die Vermutung gefchöpft, daß es fidh um die
Richtung Fr. Herlins handle; und diefe Vermu-
tung fcheint zu ftimmen, wenn man die Ab-
bildungen vergleicht. Es fcheinen übrigens zwei
Meifter beteiligt, einer der von Herlin kerkommt
und der Schwächere von beiden ift, und ein
Ulmer, von dem das ausdrucksvolle Bild der
Reihe, der Tod Mariä, herrührt; vielleicht auch
die fehr fchlecht erhaltene Taufe Chrifti. Auf
die Ulmer Schule deuten beim Tod Mariä die
Kompofition und die Typen. Ein Apoftelkopf,
rechts oben, fcheint ein Bildnis zu fein, vielleicht
das des Stifters. Die Kommune Rohrdorf war
eine Stiftung der Grafen v. Hohenberg und ge-
hörte zu der Graf fchaft, deren Hauptftadt Rotten-
burg am Neckar war. Zur Zeit Bombafts war
fie öfterreichifch. E. Grad mann.

BAUTZEN Die Stadtverordneten haben nun-
mehr endgültig die Errichtung eines Mufeums auf

dem inmitten der Stadt gelegenen Kornmarkte be-
fchloffen, fo daß mit dem Bau begonnen wird.
Diefe Angelegenheit hat das Kollegium acht
Jahre lang befchäftigt; bereits im Jahre 1907 find
für den Bau 325 000 M. bewilligt worden. Die
Stadt befißt bereits ein wertvolles Mufeum, das
nun in würdiger Weife untergebracht wird. Im
Jahre 1902 hat Kommerzienrat Weigang der
Stadt eine aus 200 Gemälden begehende Samm-
lung im Werte von etwa einer halben Million
Mark geftiftet, außerdem hat er Weihnachten
1906 zum Bau des Mufeums noch ein Kapital
von 100 000 M. gefpendet. Nur die Plaßfrage
hat die Mufeumsbauangelegenheit verzögert; nun
ift auch diefe erledigt.

BERLIN Im KUNSTGEWERBE-MUSEUM
wird in kurzem eine Sonderausftellung von
Altertümern aus Zentralamerika eröffnet, die
von Dr. Lehmann-München auf einer lang-
jährigen Forfchungsreife im Aufträge der Ber-
liner Generalverwaltung und mit Unterftütjung
des Herzogs von Loubat-Paris gefammelt wor-
den find. Ein großer Teil der ausgeftellten Gold-
fachen, Nephritgegenftände, bemalte Gefäße,
Steinfkulpturen, Holzmasken (meift Grabbeigaben)
wurde durch Ausgrabungen ans Licht gebracht.

V.

DRESDEN KONIGL. KUNSTGEWERBE-
MUSEUM. Der Bericht über die Jahre 1907/8
und 1908/9 ift foeben zufammen mit dem über
die Kunftgewerbefchule erfchienen, mit der das
Mufeum feit dem 8. Dezember 1907 das neue
Heim an der Eliasftraße teilt. Vom mufeums-
technifchen Standpunkt aus find die Auslaffungen
über die Äufftellungsprinzipien befonders inter-
effant. Die gegen früher veränderte Stellung
des modernen Kunftgewerbes zu dem vergange-
ner Zeiten bedingte ein Abgehen von dem in
älteren Mufeen (und neuerdings erft wieder in
South-Kenfington) verfolgten technologifchen
Prinzip. Das hiftorifch-ftimmungspoetifche
Prinzip aber konnte nicht völlig durchgeführt
werden. Erftens fehlte dem Mufeum durch die
Hausgenoffen fchaft der Schule die volle Freiheit
in der Raumanordnung und zweitens weifen
feine Beftände gewiffe Lücken auf, die fich aus
der Exiftenz anderer ftaatlicher Sammlungen er-
klären. So kam man zu einem MiTchfyftem und
richtete neben Renaiffance-, Barock-, Rokoko-,
Empire-Zimmern beifpielsweiTe auch einen Mö-
belraum, Textil-, Spißen-, Zinn-, keramifche
Abteilungen ufw. ein. — Wenn das neue Gebäude
eine angemeffene Aufhellung der Sammlung erft
ermöglicht hat, fo hat doch andererfeits feine
Lage abfeits des Zentrums und der übrigen

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