Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE BERLINER MUSEEN UND DIE AMERI-
KANISCHE KONKURRENZ Von WILHELM BODE

Unter den Schandtaten und Unterlaffungsfünden, die im Streit um die Florabüfte mir
nachgefagt wurden, befand fich auch der Vorwurf, daß ich bei den Erwerbungen für
die Kgl. Mufeen feit Jahren das Verftändnis für das, was Sammlungen wie den unfrigen
not tue, verloren habe oder doch den richtigen Gefichtspunkt beim Sammeln aus den
Äugen ließe; ich fei ein Brickabrackfammler, eine Krämerfeele! So etwa formulierte Herr
Harden einen der Vorwürfe, die ihm zugetragen waren. Niemand wird von mir ver-
langen, daß ich auf das antworten foll, was Unkenntnis und Übelwollen zufammengetragen,
und was Herr Harden daraus zufammengebraut hat. Doch gibt mir gerade jener Vorwurf
die erwünfchte Gelegenheit, einmal vor weiterer Öffentlichkeit mich darüber auszufprechen,
was wir für die Berliner Mufeen noch fammeln follen und fammeln können. Mit Fach-
genoffen, die den Kunftmarkt auch nur einigermaßen kennen, glaube ich mich darüber
völlig einig zu wiffen.

Die Behauptung, daß ich nichts Außerordentliches, nichts Bedeutendes mehr erwürbe, ift
etwas eigentümlich, gerade gelegentlich der Erwerbung der Florabüfte: fie ift eines der
feltenften und umfangreichften Stücke in ihrer Art, fie ift zudem — auch darin hat kaum
jemand widerfprochen — eine der anmutigften Schöpfungen der Plaftik überhaupt. Selbft
wenn ich alfo hier einmal durch eine Fälfchung getäufcht fein follte, würde man doch
nicht fagen können, daß ich nicht mehr auf Erwerbung bedeutender Kunftwerke aus-
ginge. Man müßte fonft zwei „Kenner“ zu Schiedsrichtern wählen, die durch den ihnen
fehlenden Sinn für Echt und Falfch, für Gut und Schlecht und die daraus entfpringende
Zweifelfucht und das Bewußtfein der eigenen Unfehlbarkeit einen heroftratifchen Ruf
fich erworben haben: die Profefforen der Kunftgefchichte Karl Voll und Ädolfo Venturi.
Zu den neueren und neueften Erwerbungen für die Gemäldegalerie gehören Bilder wie
die Anbetung der Hirten von Hugo van der Goes (1903), die beiden Altarflügel von Simon
Marmion (1905) und das Frauenporträt von Roger van der Wegden (1907), ferner ver-
fchiedene große Rubensbilder (1906), die Sammlung Ad. Thiem mit ihrem großen Porträt
derMarchefa Spinola, mit denBouts, Roberti uff. (1904), außerdem nicht weniger als drei
Gemälde von Rembrandt, verfchiedene Potter, Jacob Ruisdael, G. Metfu, Canale, Guardi,
Tiepolo, Velazquez, Tintoretto, Fra Filippo, Fra Ängelico, Pefellino, Benozzo Gozzoli uff.,
fämtlich aus den letzten drei Jahren. Aber das find ja meift kleinereBildchen, erwidert man mir;
Bilder wie die „Venus“ von Velazquez, wie Holbeins „Herzogin von Mailand“, welche die
National Gallery in London in den lebten Jahren erwarb, oder wie die Rembrandts, Hals,
Velazquez, van Dyck uff., wie fie die amerikanifchen Sammler Frick, Altman, Morgan,
Widener aus Europa entführen, füllten für das Kaifer Friedrich-Mufeum gekauft
werden. Das ift fehr leicht gefagt; aber find folche Ankäufe für ein deutfches Mufeum,
find fie felbft für unfere Berliner Mufeen heute noch möglich? Bei der „Venus“ von
Velazquez oder dem Holbein hätten wir freilich der National Gallery Konkurrenz machen
können; find doch die Bilder von der Verwaltung der Londoner Galerie wegen ihres
hohen Preifes abgelehnt und erft nach längerer Zeit mit Beiträgen von Gönnern gekauft
worden. Ob uns das hier gelungen wäre, ift mir doch fehr zweifelhaft! Ich habe das
Angebot des Holbein auch deshalb fofort abgelehnt, weil es mir widerftrebt, ein Gemälde
aus einer öffentlichen Galerie zu kaufen, in der es feit Jahren hängt, und die ficher des-
halb das erfte Anrecht darauf hat. Aus dem gleichen Grunde habe ich früher meinem
verftorbenen Freunde Alfred Beit geraten, die „Charity“ von Sir Jofhua Reynolds, die er
aus der National Gallery, wo fie feit langen Jahren als vergeffene Leihgabe hing, erworben

Der Cicerone, II. Jahrg., 3. Heft. 7

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