Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN ° AUSSTELLUNGEN

heit und Kultur Warfchaus von Bedeutung find,
werden in kurzem der öffentlichen Befichtigung
zugänglich gemacht werden. Die ganze Kollektion
wird nämlich in dem hiftorifchen Staszic-Haus,
das Herr Oppmann unlängft erworben und in
feinen früheren Zuftand wieder herzuftellen be-
abfiditigt, Aufteilung finden. P. E.

WIEN Im k. k. öfterreichifchen Mufeum wurde
Mitte Februar eine Äusfteliung fchwedifcher
Volkskunft und Hausinduftrie eröffnet, über die
demnächft berichtet werden foll.

Hm 1. März wurde eine bisher faft unbekannte
und nicht öffentliche Sammlung von Kunftwerken
im Befifz des Kaiferhaufes allgemein zugänglich
gemacht: die geiftliche Schatzkammer. Sie
ift jejzt neugeordnet und katalogifiert in zwei
Räumen der Hofburg neben der Hofkapelle auf-
geftellt und an drei Wochentagen dem Befuch
geöffnet. Ein Teil der Objekte, die zum Be-
fände der geglichen Schatzkammer gehören, ift
bei der (1876 fanktionierten) Neuordnung der
kaiferlichen Sammlungen ausgefchieden und dem
kunfthiftorifchen Hofmufeum übergeben worden,
nämlich alle Gegenftände, „die weder zum kirch-
lichen Gebrauche, noch zur Aufnahme von Reli-
quien dienten“. In der Schatzkammer verblieben
außer den Reliquien zahlreiche Pontipcalornate
und andere Meßgewänder, deren ältefte auf
Karl VI. zurückgehen; manche find aus alten
Stoffen erft im 18. Jahrhundert angefertigt wor-
den. Ältärchen, Monftranzen, Kirchengeräte,
Heiligenbüften und einige Gobelins mit religiöfen
Darftellungen ergänzen die reiche Sammlung.
Über die — zum Teil ftark reftaurierten — Kunft-
werke wird eine ausführlichere Unterfuchung
folgen.

Eine Zufchrift aus wiffenfchaftlichen Kreifen
veranlaßt mich, meinem Bericht über die Neu-
erwerbungen des kunfthiftorifchen Hof-
mufeums (Heft 5) hinzuzufügen:

Von dem jüngft hier abgebildeten Porträt der
Königin Eleonora von Portugal gibt es (wie
fchon in dem von mir zitierten Auffafz von Jufti
zu lefen fteht) mehrere Wiederholungen, deren
bekanntere das Bild in Hampton Court ift (dort
dem Mabufe zugefchrieben). Ich unterließ es,
befonders darauf zu verweifen, weil ja die —
von mir bereits angekündigte — Arbeit Glücks
in nicht allzu ferner Zeit erfcheinen wird, und
weil die vielen, recht wefentlichen Verfchieden-
heiten der beiden Exemplare auf der nur zur
Orientierung beigebrachten kleinen Autotypie
nicht ganz deutlich zu erkennen find. Um wei-
teren Mißverftändniffen vorzubeugen, will ich
alfo bemerken, daß es fich bei keinem der beiden

Gemälde um eine Kopie, fondern jedenfalls um
freie Wiederholungen handelt, deren Verhältnis
zu einander zu unterfuchen ich nach wie vor
Guftav Glück überlaffen will. V. F.

AUSSTELLUNGEN

EDOUÄRD MÄNET IM SÄLON
CÄSSIRER Die Initiative Paul Caffirers gibt
uns die Gelegenheit, in Berlin eine erlefene Samm-
lung von Bildern Manets aus dem ehemaligen
Befifze Peilerin zu fehen und zu genießen. Die
Wertung, die ihr voranging und fie unter den
Künftlerausftellungen derSaifon zu einemEreignis
ftempelte, erweift pch als begründet, und mit
Genugtuung fei feftgeftellt, daß manche Glanz-
ftücke der berühmten Kollektion, die auch in
Paris für das Studium Manets als unerläßlich
galt, nun in deutfchen Befifz übergehen, darunter
die „Nana“ (1877) und das „Frühftück im
Atelier“ (für München). Wie kaum je ift vor
diefen Bildern aus den letzten drei Jahrzehnten
feines Wirkens die Möglichkeit geboten, dem
Maler, deffen Name als Lofungswort unleidlich
oft zitiert wird, Äug’ in Äuge zu fehen und die
Vorftellungen über ihn einer Revifion es unter-
ziehen. Nur allzu leichtfertig und häufig wird
diefer Name in dieWagfchale geworfen, wobei
er für die Vorfprünge und Gewagtheiten auch
feiner illegitimften Nachfolger verantwortlich ge-
macht wird.

Da fei zunächft konftatiert, daß es falfch ift,
den Maler Manet als Kronzeugen im Prozeß
der Vernachläffigung des Sujets heranzuziehen.
Faft immer ift es der Gegenftand, der in ihm
den zündenden Funken erzeugt, freilich nicht im
Sinne einer Hiftorie, wohl aber in der Bedeutung
desWefens der Dinge. So ift ihm ein Frauen-
kopf vor allem — ein Menfchenantlijz, und wenn
er die Augen oder den Mund darin noch fo
flüchtig hineinwifcht, fie dienen immer dem Aus-
druck und unterftreichen ihn bewußt. Damit
hängt zufammen feine feine Emppndung für die
Materie der Stoffe; eine ftraff anliegende Frauen-
jacke ift ihm etwas wefentlich anderes als die
Joppe eines Bohemiens.

Allerdings ift es begründet, wenn man in Manet
den Maler betont, doch hier fei wieder darauf hin-
gewiefen, daß das Wort „malerifch“ dabei fcharf
begrenzt aufzufaffen ift. Rembrandt war doch
auch Maler und man braucht nur diefen Zauber-
namen zu nennen, um das riefige Gebiet anzu-
deuten, von dem dieferFranzofe ausgefchloffen ift;
es bleibt jedem unbenommen, pch damit ausein-
anderzufetzen, ob nicht etwa dem Welfchen die
germanifche Fähigkeit abging, das Wirkliche

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