Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHÄU — SAMMLUNGEN

ÄMSTERDÄM Im KUPFERSTICHKÄBI-
NETT find für die Monate Dezember 1910, Ja-
nuar und Februar 1911 Reproduktionen nach
Meifterwerken der flämifchen, deutfchen und
italienifchen Malerei des 15. und 16. Jahrhun-
derts ausgeftellt. K. E.

BERLIN Im KGL. KUPFERSTICHKÄBINETT
ift eine Äusftellung von Zeichnungen, Kupfer-
ftichen und Holzfchnitten Lucas Cranachs d. Ä.
eröffnet worden, die Direktor Friedländer nach
neuen Gefichtspunkten hiftorifch geordnet hat. In
Anbetracht ihrer wiffenfchaftlichen Bedeutung
wird fie im „Cicerone“ noch eingehender ge-
würdigt werden. — In der Abteilung der neueren
Kunft ift der Klingerausftellung eine neue Ver-
anlagung „Städtebilder vonMeiftern des 19.Jahr-
hunderts“ gefolgt. In anregendfter Weife ge-
winnt man hier eine Vorftellung von der künft-
lerifchen Behandlung diefes Themas: von den
befcheidenen Blättchen eines Kobell oder Adam
und den Lithographien Gaertners ausgehend zu
den forgfältig-foliden Radierungen Mannfelds
und fchließlich zu den geiftvollen Werken Whift-
lers und Meryons, Bones und Pennells. In
diefem Rahmen wird audi eine feiten gezeigte,
intereffante Arbeit Meryons, die große Änficht
San Franciscos aus dem Jahre 1856, größere
Beachtung finden. Svs.

Die KGL. NÄTIONÄLGÄLERIE erwarb auf
der Verweigerung der Sammlung La Roche-
Ringwald das Gemälde M. von Munkaczfis
„Zigeunerlager im Walde“. Svs.

BONN Das PROVINZIALMUSEUM erwarb
für die Abteilung rheinifcher Malerei ein um-
fangreiches Triptychon, deffen Mittelftück „Die
Himmelfahrt Chrifti“ vom Kölner Meifter von
St. Severin herrührt. Die Flügel mit Darftel-
lungen des Tempelgangs der Maria, der Stig-
matifation des hl. Franziskus und den Einzel-
figuren von St. Johannes Ev. und St. Margaretha
verraten den Frühftil des Bartholomäus Bruyn,
find aber zu fchwach, um ihm felbft zugefchrie-
ben zu werden. Das ganze Werk war 1904
auf der Kunfthiftorifchen Äusftellung in Düffel-
dorf ausgeftellt und ift in Aldenhovens Ge-
fchichte der Kölner Malerfchule ausführlich be-
fchrieben. Die Flügel find künftlidi angeftückt,
um fie auf die Höhe des Mittelbildes zu bringen.
Die Äuffaffung Aldenhovens, der aus der fchein-
baren Zufammengehörigkeit der drei Bilder ein
Schülerverhältnis Bruyns zu dem Severiner kon-
gruierte, ift irrig. Es läßt fich nach weifen, daß
die Bilder erft im 19. Jahrhundert in Köln zu-

fammengefügt wurden. Von dort gelangten fie
in die Sammlung v. Brenken in Wewer (Weft-
falen), diefelbe Sammlung, aus der das Pro-
vinzialmufeum vor einigen Jahren ein wert-
volles Gemälde des Kölner Meifters der hl. Sippe
erwerben konnte. Die Himmelfahrt Chrifti er-
innert in vielen Stücken an die Himmelfahrt
Mariä des Meifters von St. Severin in Augsburg.

Das STÄDTISCHE MUSEUM „VILLA OBER-
NIER“ erwarb aus der von Wilhelm Schaefer
zufammengeftellten Äusftellung „Der Rhein im
Bild“, die vorher in Mainz und Koblenz ge-
zeigt worden war, eine Landfdiaft von Friß
Oßwald-München „Der Rhein bei Mainz“. C.

BUDÄPEST DIE SAMMLUNG VON NEMES.
Wir hatten öfters Gelegenheit (Cicerone I. 7 und
II. 9.) von Gemälden zu berichten, die Herr Kgl.
Rat Marcel v. Nemes im Mufeum für bildende
Künfte leihweife ausgeftellt hat. Herr von Nemes
bereicherte feine Sammlung unlängft um einige
hochintereffante Stücke und machte jeßt die
wertvollften Bilder feiner Kollektion in drei
Sälen des Mufeums dem großen Publikum zu-
gänglich. Die Äusftellung ift wahrhaft fenfatio-
nell geworden dadurch, daß fich unter ihren
Neuheiten fünf herrliche Grecos befinden.1

Ein lebensgroßes Knieftück — die heilige
Magdalena — das fich früher in der Pariser
Sammlung Stchoukine befand, ftammt aus dem
erften Toledoer Zeitalter des Meifters. Es er-
innert noch in Formengebung und Kolorit leb-
haft an Tizian, während im Sentimento des
ganzen Bildes die Perfönlichkeit des großen
Schülers mit elementarer Gewalt zur Geltung
kommt.

Die zweite Periode des Künftlers ift durch
einen „Chriftus als Pilger“ und eine „Heilige
Familie“ mit lebensgroßen Figuren vertreten.
Erfteres ift ein Werk von gewaltiger Konzen-
tration, das aus faft byzantifchem Gefühl heraus
gefchaffen worden ift. Der Hintergrund des
Bildes enthält die gefpenftifchen Umriffe der
Stadt Toledo. Das Werk gehörte früher der
Sammlung Theodore Duret an und wurde von
Meier-Graefe in feiner „Spanifchen Reife“ be-
fchrieben.

Die künftlerifche Wirkung der heiligen Familie
wird dadurch beeinträchtigt, daß einige traditio-
nelle Schemen in die Wärme der ftark perfön-
lichen Kunftfpradhe eine kleine Diffonanz bringen.
Der frühere Befißer des Bildes war Don S. v.
Roffen. Man findet darüber nähere Angaben

1 Die Publikation diefer Stücke erfolgt durch G. von
Tdreg im erften Januarheft des „Cicerone“. Die Red.

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