Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES o LITERATUR

hinterlalJenen Entwürfe Meffels werden in dem
nächftens erfcheinenden Hefte des Jahrbudis der
kgl. preußifchen Kunftfammlungen von Wilhelm
Bode publiziert.

MÜNCHEN Bei der Feftfißung zur Feier des
151. Stiftungsfeftes der Akademie der Wiffen-
fchaften gab derPräfident Dr. vonHeigel bekannt,
daß eine Reihe Münchner Bürger fich verpßichtet
habe, zunächft auf fünf Jahre, dem Staate je
3000 M. zur Verfügung zu ftellen, „umdieKunft-
fammlungen des Staates, künftlerifche, wiffen-
fchaftliche und folche Beftrebungen, welche der
Heimatpflege dienen, zu unterftüßen und zu för-
dern“. Bisher find etwa 20 Perfonen Mitglieder
diefes „Bayrifdien Stiftungsfonds für
Kunft, Wiffenfchaft und Heimatpflege“
geworden, fo daß dem Staat für den Verlauf
der nächften Jahre ein Kapital von mindeftens
300 000 Mark offen fteht.

Über die Verwendung diefer Summe ift vor-
erft befchloffen, mindeftens 20 000 M. jährlich
den Staatsgalerien und 10000 M. jährlich dem
Mufeumsverein zu Änkaufszwecken zu über-
weifen. Die Mitgliederverfammlung und ein aus
Sachverftändigen gebildeter Hrbeitsausfchuß be-
ftimmen über die Verwendung des Reftes.

KOM Um zwei Büften vonBernini ftrei-
ten die italienifche und die fpanifche Regierung
feit mehreren Monaten. Es handelt fich um
dieDarftellungen der erlöften und der verdammten
Seele von Giov. Lorenzo Bernini, die fich
bisher in der Sakriftei der Kirche S. Maria di
Monferrato zu Rom befanden, von dort vor
einem halben Jahre verfchwunden find und im
Mufeo del Prado zu Madrid wieder ans Tages-
licht kamen.

Da die genannte Kirche unter dem Patronat
Spaniens fteht und mit einem fpanifchen Hofpiz
verbunden ift, fo war es nicht fchwierig, die
beiden Meifterwerke der römifchen Barockkunft
mit Hülfe der Zoll- und Verkehrsvorrechte der
fpanifchen Botfchaft in Rom hinter dem Rücken
der italienifchen Äuffichtsbehörde ins Ausland
zu fchaffen. Für Sendungen von Kunftfachen
aus Italien hinaus befteht fonft eine gefeßliche
Überwachung und Ausfuhrfteuer, um denVerluft
hervorragender Kunftfchäße zu verhindern, und
nur die diplomatifchen Miffionen in Rom find
von der Überwachung ihres Verkehrs mit dem
Auslände befreit. Daher wurde fchon oft der
Verdacht ausgefprochen, daß diefe Vorrechte von
den fremden Gefandten gelegentlich mißbraucht
würden, um den italienifchen Kunftgefeßen ein
Schnippchen zu fchlagen. Im vorliegenden Falle
war diefer Verdacht nur zu begründet, wenn

auch die fpanifche Regierung nachträglich er-
klärt hat, fie habe im guten Glauben gehandelt
und fich für berechtigt gehalten, die beiden Büften
aus der fpanifchen Nationalkirche in Rom nach
Madrid überzuführen. Infolge der Vorsehungen
des vorigen Minifters des Auswärtigen Tittoni
mußte fie aber ihr Unrecht anerkennen und die
Zurückerftattung der Berninifchen Marmorfkulp-
turen verfprechen. In Beantwortung einer parla-
mentarifchen Anfrage hat der gegenwärtige
italienifche Minifter des Auswärtigen Guicciardini
obigen Sachverhalt mitgeteilt, zugleich aber auch
zugeftanden, daß das Verfprechen der Zurück-
erftattung noch nicht erfüllt ift, weil über den
Aufbewahrungsort in Rom eine Meinungsver-
fchiedenheit befteht. Die fpanifche Regierung
will fich nämlich damit begnügen, die beiden
Büften in ihren Botfchaftsfiß in Rom zu bringen,
während die italienifche Regierung darauf be-
fteht, daß fie wieder an den alten Plaß in der
Kirche di Monferrato kommen.

LITERATUR

Die Zukunft der deutfchen Mufeen-
Von Profeffor Dr. Theodor Volbehr. 80 Seiten
(Kunft und Kultur, Band 5). Kartoniert 1,60 M.
Verlag von Strecker & Schröder in Stuttgart.

Der Verfaffer geht an das fehr aktuelle Thema
in eigenartiger Weife heran. Er vermeidet alle
Polemik gegen die zahllofen Theorien, die in
den leßten Jahrzehnten aufgeftellt worden find
und fucht die erregten Debatten durch ein Zurüdc-
datieren der ganzen Frage in ein ruhigeres
Fahrwaffer zu lenken. Er weift nach, daß die
wichtigften Gedanken in Bezug auf die große
Erziehungsfrage des Mufeumswefens fchon vor
hundert Jahren gedacht worden feien und daß
es auch hier die Klaffiker unferer Literatur ge-
wefen find, denen die entfcheidenden Anregungen
zu danken find. So wird vor allem darauf hin-
gewiefen, daß Goethe, der Hell- und Weitßchtige,
auch für die Zukunft der deutfchen Mufeen nach
feinen Kräften und nach den Möglichkeiten
feiner Zeit zu forgen fuchte. Es wird weiter
gezeigt, wie fich die tatsächliche Entwicklung der
Mufeen in Widerfpruch mit der klaren Weg-
weifung diefer Frühzeit feßte, wie aber nach
mancherlei Irrwegen und äußeren Hemmungen
allem Änfchein nach der Weg wieder in die
Straße einmündet, die von Herder und Goethe
für die Straße der Zukunft gehalten wurde.

Der Verfaffer kommt zu dem Ergebnis, daß
die Zukunft von den deutfchen Mufeen den
organifchen Zufammenfchluß zu einem gemein-
famen Körper im ideelen Sinne verlange, deren
Herz nach Volbehr ein Mufeum fein müßte, das

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