Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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LITERATUR

„die gefamte innere Gefcbichte der Nation er-
zählt“. Volbehr verwirft die Äuffaffung, die
eine fcharfe Trennung zwifchen Kunftmufeum
und Kulturmufeum für geboten hält und glaubt,
daß es nur auf die richtige Mifchung der Ingre-
dienzen ankomme, aus denen die Kultur eines
Volkes fich zufammenfeßt. Daß gerade diefe
ficher nicht erzielt worden fei, deutet der Ver-
faffer mehr an, als daß er es geradezu ausfpricht.
— Der Hinweis auf den kommenden Anbau des
Germanifchen Mufeums, fowie auf das in Berlin
erftehende Deutfche Mufeum gibt dem fehl- les-
bar gefchriebenen und klar gegliederten Büch-
lein einen befonderen Äktualitätswert.

Der Katalog der deutfchen Bildwerke
des Kaifer Friedrich-Mufeums (Befchrei-
bung der Bildwerke der chriftlichen Epochen.
Bd. IV: die deutfchen Bildwerke und die der
anderen cisalpinen Länder, bearbeitet von Wil-
helm Vöge, mit den Abbildungen fämtlicher
Bildwerke. Berlin 1910, Georg Reimer).

Das Prinzip diefes eben erfchinenen Skulp-
turenkataloges ift von dem des unlängft hier
befprochenen Katalogs der Gemälde verfchieden;
denn der vorliegende Band erftrebt in der Haupt-
fache eine wiffenfchaftliche Durcharbeitung und
Beftimmung des Materiales, bei welcher alle
bisherigen Forfchungen ausgiebig verarbeitet
und erweitert werden mußten. Es ergab fich fo
eine umfaffendere Behandlung der Skulpturen
als fie im allgemeinen in Katalogen üblich ift;
die Aufgabe erweiterte fich unter den Händen
des Bearbeiters zu einer zufammenhängenden
Darftellung der deutfchen Bildhauerei in einem
beftimmten, durch die Sammlung felber gegebe-
nen Äusfchnitte.

Wenn man, mit den bisherigen Forfchungen
wenigftens auf gewiffen Gebieten einigermaßen
vertraut, den ftattlichen Band durchfieht, fo
ftaunt man über die Fülle neuer Beobachtungen
und Zufammenhänge, über den Reichtum an
feinen Bemerkungen und die außerordentliche
Sorgfalt in allen Angaben, die fich auf die Werke
beziehen. Mehrfach fcheinen fich die wiffen-
fchaftlichen Anmerkungen auszuwachfen zu klei-
nen, in fchlagender Kürze mitgeteilten Exkurfen,
die vielfach ganz neue Perfpektiven eröffnen.
Wie es bei den Fortfehritten der Forfchung
felbftverftändlich ift, weichen zahlreiche Beftim-
mungen des neuen Kataloges von denen des
alten mehr oder weniger ab.

Die ungewöhnliche Bedeutung der Vögefchen
Leiftung wird erft dann ganz gewürdigt werden

können, wenn auch andere Mufeen dem gege-
benen Beifpiele folgen werden. Was das mo-
numentale Werk fchon an Material für die
Kenntnis der deutfchen und cisalpinen Plaftik
bietet, ift bei dem Reichtum und der Vielfeitig-
keit der Berliner Sammlung wohl faft einzig-
artig. Die Abbildungen, obwohl auf ungekrei-
detem Papier gedruckt, verdienen befondere
Anerkennung. In der Wahl ihrer Größenver-
hältniffe war weniger die Rückficht auf die Maße
des Originals maßgebend als die Erwägung, daß
manche umfangreichen Skulpturen mit wenig
Details einen außerordentlich verkleinerten Maß-
ftab fehr wohl vertragen, während die Kabinett-
stücke eines Konrad Meit, Hans Schwarz u. a.
felbft bei geringer Verkleinerung vielfach un-
deutlich werden. Man wird daher gewiffe Un-
gleichheiten, die ftellenweife typographifch un-
befriedigend wirken, als unvermeidliche Nach-
teile gern mit in den Kauf nehmen.

Ängefügt find dem Bande 36 Lichtdrucktafeln,
auf denen die Bronzeplaketten, Perlmutter- und
Wachsreliefs in Gruppenzufammenftellung wie-
dergegeben find. Auch die Ausführung diefer
Tafeln verdient uneingefchränktes Lob.

KLEINE LITERARISCHE NOTIZEN

Dr. Ä. E. Brinckmann veröffentlicht in der
„Deutfchen Bauzeitung“ eine Abhandlung über
„Spätmittelalterliche Stadtanlagen in
Südfrankreich“, die für alle, die das Gebiet
des Städtebaues aus hiftorifchem oder rein äfthe-
tifchem Intereffe befchäftigt, ungewöhnlich an-
regend find.

Brinckmanns prinzipielle Gegnerfchaft gegen
den „malerifchen“, d. h. gefucht unregelmäßigen
Städtebau, ift aus feinem Buche „Platj und
Monument“ bekannt. In den gotifchen Stadt-
anlagen ift ihm das Prinzip der Regelmäßigkeit,
das „Verlangen nach Klarheit“ ausfchlaggebend.

Die knappe und in prägnantem Satjbau ge-
fchriebene Abhandlung ift reich illuftriert mit
wenig bekannten Veduten und Plänen.

Im Verlage von A. W. Sijthoff in Leyden er-
fcheinen demnächft 50 Meifterwerke Hans Mem-
lings in Farbendruck, ausgeführt von Frifch in
Berlin, zu denen der Direktor des Antwerpener
Mufeums Prof. Pol de Vries fowie Prof. Scato
de Vries in Leyden den erläuternden Text ver-
faßt haben. Das Werk erfcheint in 10 Liefe-

FM

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