Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EX UNGUE LEONE® Mit 2 Abbildungen auf 1 Tafel

ANTWORTEN ÄUF UNSERE RUNDFRAGE IN HEFT 2

Die Initiative des Urhebers der „geheimnisvollen“ Rundfrage von Heft 2 hat den voraus-
gesehenen Erfolg gehabt: mehrere Spezialforscher sind den Spuren des Löwen gefolgt
und haben ihn übereinstimmend (mit einer Ausnahme) in der Gestalt des „Meisters des
Hausbuches“ gestellt.

Im folgenden sind die eingegangenen Antworten nach dem Zeitpunkt des Eintreffens zusam-
mengestellt; eine Äußerung des Redakteurs und des Urhebers der Rundfrage machen den Beschluß.

I. Dr. L. Kaemmerer fdireibt:

Das in der „Rätfelecke“ von Heft 2 (S. 71—74)
geftellte Figurenrätfel ift nur etwas gar zu leicht
zu löfen: es kann fich bei dem umfraglichen „Holz-
fchnittwerk reiigiöfen Inhalts“ wohl nur um den
allerdings fehr feltenen „Spiegel der menfchlichen
behaltnisz“ o. 0. n. J. mit Signet von Petrus Drach in
Speyer (Hain 14935) handeln, von deffen Holz-
fchnitten Muther, Bücherilluftration II. T. 64—66a
bereits einige — allerdings fälfchlich als Basler Er-
zeugniffe (Bafel B. Richel 1476. Hain 14936) — re-
produziert hat. Weit deutlicher noch als die von
mir feinerzeit im Jahrbuch d. Preuß. Kunftfamm-
lungen VIII, S. 155, Änm. 4 zufammengeftellten
Drucke aus Mainzer Offizinen weifen diefe Holz-
fchnitte auf die Hand des Hausbuchmeifters,
den ich keinen Äugenblick zögere als Erfinder
und Zeichner zu erklären. In meinem Hand-
exemplar des eben genannten Äuffaßes hatte
ich mir bereits vor Jahren das Speyerer Buch
als Zufaß („ficher Hausbuchmeifter“) notiert und
habe mich jeßt auf Grund der fehr inftruktiven
Pedalftudien Ihres Mitarbeiters von der Richtig-
keit meiner Vermutung zur Evidenz überzeugt,
zumal die individuelle Fußform allen Holzfchnitten
gemeinfam ift, was gelegentliche Kopien des
Formenfehneiders nach Zeichnungen des Haus-
buchmeirters (vgl. Baer, d. ill. Hiftorienbücher,
p. 154, 155) ausfchließt.

Von Intereffe dürfte es fein, daß auch der
Freiburger Kalvarienberg des Hausbuchmeifters
als aus dem Dom zu Speyer ftammend in der
Sammlung Clarke früher bezeichnet wurde.
(Mündliche Mitteilung von Ä. Bayersdorffer.)
Bei diefer Lokalifierung des Meifters, die ja
keine dauernde zu fein braucht, erklären fich
auch zwanglos die Beziehungen des (allerdings
ftark verreftaurierten) Triptychons aus Bosweiler
bei Grünftadt in der Pfalz (heute im Speyerer
Dom) und anderer Pfälzer Malwerke zum Haus-
buchmeifter. Sehr frifch pnde ich folche Be-
ziehungen in der Miniatur des Nicolaus de Ror-
bach auf Trifels vom Jahre 1461 im Cod. germ.
48 der Münchener Staatsbibliothek (vgl. Bau-
denkmäler der Pfalz I, F. 141).

Doch für alle diefe Dinge und Zufammenhänge
wird hoffentlich Friedrich Backs eben erfchienene

„Mittelrheinifche Kunft“ näheren Äuffchluß geben,
die ich noch nicht einfehen konnte.

Zu verfolgen wäre auch noch der Drucker
Martinus Huß de Botvar (wirklich Huß, nicht
vielleicht Heß?), der 1476 in Touloufe auftaucht,
1478 in Lyon einen Miroir de la redemption
de l’umain Iymage druckt, fich im feiben Jahr
mit Johann Siber dort affoziert und dann ver-
fdhwindet (Copinzer III, 441; vielleicht ein Ver-
wandter von Ändreas Heß in Budapeft).

Jedenfalls wird Ihre Umfrage noch manche
andere Gelegenheitsfunde an die Oberfläche
bringen, die fchließlich doch einmal zur kunft-
gefchichtlichen Verhaftung des mit fo heißem
Bemühen gefuchten Flüchtlings „Hausbuchmeifter,
alias Martin Heß, alias Heinrich Lang ufw.“
führen dürften.

II. Herr Willy F. Storck äußert fich folgen-
dermaßen:

Durch die Rundfrage „Ex ungue leonem“ wird
die kunfthiftorifche Forfchung auf eine Frage
gewiefen, die in der Literatur bereits mehrfach
angefchnitten wurde: die Beziehungen des Haus-
buchmeifters zu dem zeitgenöffifchen Holzfchnitt
— und um diefes Problem handelt es fich bei
den abgebildeten Skizzen offenfichtlich. Finden
fich vielleicht in den illuftrierten Drucken des
leßten Viertels des 15. Jahrhunders Rnklänge an
Werke diefes Meifters, oder ift er etwa gar
felbft für die Bücherilluftration tätig gewefen?
Man hat bereits darauf hingewiefen, daß in
Thurocz Chronika Hungarorum (Augsburg 1488),
fowie in der Schedelfchen Weltchronik direkte
Kopien nach Stichen des Meifters vorhanden
find. Man hat dann Werke mit feiner Tätigkeit
felbft in Beziehung zu bringen verfucht. Baer1
glaubte in den Holzfchnitten der Bothofchen

1 Die illuftrierten Hiftorienbücher des XV. Jahrhunderts.
Straßburg, 1903. p. 170.

Baerfchlug auf Grund der in Schnitten der Sachfenchronik
vorkommenden Signatur „h“ Martin Heß als Name des
Änonymus vor, was längjt widerlegt ift. Übrigens ift h
nur ein Teil der Künftlerfignatur, da mehrfach die Gruppe hr
zufammen auftritt, und wohl den Namen'des Künftlers
bezeichnet.

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