Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHAU — sämmlungen

AUGSBURG Durch die Neuordnung des
Herrn von Tfchudi und feines Äffiftenten Dr.
Mager hat die STÄDTISCHE GEMÄLDE-
GALERIE, was Überfichtlichkeit und Genuß-
möglichkeit anlangt, ganz entfchieden gewonnen.
Die Belichtungs- und Placierungsfrage ift in
ähnlicher Weife, wie in München geregelt und
während man früher Mühe hatte, fich durch die
mehr an ein Depot als an eine Schaufammlung
gemahnende Anhäufung von Bildern hindurch-
zuarbeiten, kann man es jeßt geradezu als er-
quickenden und erlefenen Genuß bezeichnen, an
den wohlgeordneten, aller ftörenden Elemente ledi-
gen Schulen vorbeizuwandern. 250 Gemälde zum
allergrößten Teil minderwertige Stücke, find da-
bei freilich dem neuen Prinzip zum Opfer ge-
fallen, man kann aber nicht behaupten, daß die
Galerie dadurch eine merkliche Minderung ihrer
Qualität erfahren habe. Nach wie vor ift fie als
Hauptort des Studiums der fchwäbifchen Schulen
zu betrachten und ihr Beftand an köftlichen
kleinen Niederländern kommt jetjt beffer denn
je zur Geltung. Daß man einige fehr wertvolle
Stücke, wie insbefonders den fchon gelegentlich
der Neuordnung der Pinakothek in München
überführten fchönen Tintoretto, ferner fünf Bilder
des Augsburgers Hans Burgkmair nach München
eingeholt hat, mag fich verteidigen laffen, die
Haupt-und Kunftftadt bedurfte diefer Ergänzungen
dringend und ich glaube, daß Augsburg durch
die Wegnahme nicht wefentlich an Charakter
eingebüßt hat. Daß es durch die Neuzugänge
einen vollwertigen Erfaß für die Entnahmen er-
halten habe, läßt fich natürlich ebenfowenig be-
haupten, der von München gekommene Strigl
ift wohl als wertvollfter Zuwachs zu erachten,
quahtäienreich find auch zwei oberfchwäbifche
Eryänzungsftücke, ferner Clofligls „Markgraf
Philipp von Baden“, Carlo Marattas „fchlafendes
Kind“, fowie eine „Maria mit Chriftkind“, pro-
blematisch als Mailändifch um 1500 bezeichnet,
intereffant find die Bilder Schwäbifch um 1500
„Einfeßung des heiligen Abendmahls“ und das
„Manna des Alten und Neuen Teftaments“. Im
ganzen befteht der Zuwachs aus 14 Werken.

Syftem ift in die Galerie nun auf folgende
Weife gebracht worden: Im ehemaligen Vor-
zimmer, wo früher Bilder der verfchiedenften
Richtungen und Zeiten zu fehen waren, empfangen
den Befucher nun fofort die Schwaben und zwar
gleich in ihren bedeutendften Vertretern Burgk-
mair und Holbein. Statt dem alten Dunkelgrün
der Wand ift hier, wie auch in den anfchließeuden
Kabinetten, nach Münchener Vorbild Weiß ver-
wendet, das erfahrungsgemäß bedeutend zur
Hebung der Wirkung beiträgt. Auch find an

den Fenftern überall die Klappläden abgefchafft
und an ihrer Stelle Vorhänge zum Ziehen in
Anwendung gekommen. Kabinett I bringt dann
dieHolbeinfchen Gemälde: „Kreuzigung“ und „Der
erfte Schritt“. Im Kabinett II fieht man neben
Burgkmair oberfchwäbifche Stücke, weiters den
neuen Strigl. Kabinett III enthält mehrere Akte,
darunter die berühmte Kreuzigung. Kabinett IV
ift für die fränkifche Schule beftimmt, der früher
hier anwefende Prew ift fortgekommen. Kabi-
nett V bietet Rheinifche Meifter ausfchließlich.

Von den großen Sälen ift der Saal am nächften
dem Eingang wie ehedem den Deutfchen ge-
widmet. Auch er zeigt nun andere Befpannung,
es wurde violett als Wandfarbe gewählt, was
zu den goldenen Rahmen der Bilder fich ent-
fchieden fehr nobel macht. Hier ift mit abgefehen
von der Entleerung des Raumes wenig verändert.
Holbeins Paffion wurde günftiger placiert, auch
ein paar andere Stücke find zu ihrem Vorteil
umgehängt, in den Nifchen der Fenfter findet
man nun eine fehr lobenswerte Gruppierung vor.
Dem Saal der Deutfchen fchließt fich der der
Italiener an. Er zeigt fich jeßt in einem warmen
bräunlichen Rot, das die auf die Hälfte etwa des
ehemaligen Beftandes reduzierten Bilder recht
wirkfam umfließt. Die Rückwand des italienifchen
Saales nehmen franzöfifche Stücke ein, die fehr
vorteilhaft gruppiert find. Der Ießte Saal end-
lich enthält die Flamen und Niederländer. Nir-
gendwo hat die Galerie durch das Herausfchieben
minderer Stücke mehr profitiert, wie gerade hier.
Viele Bilder entdeckt man jeßt zum erftenmal
und findet köftlichften Genuß daran. Beeinträchtigt
wird diefer auch nur wenig durch die fchmußig-
grüne Wandbefpannung, die aus Mangel an
Mitteln hier nicht würdiger ausgeführt werden
konnte. Die Rückwand des Raumes enthält
deutfche Stücke von der Wende des 18. Jahr-
hunderts. Im Laufe der Zeit wären in der
ganzen Galerie wohl noch da und dort Um-
benennungen vorzunehmen. M. K. Rohe.

HEIDELBERG Der hiefige Kunftverein foll
demnächft mit den ftädtifchen Sammlungen ver-
einigt werden und zwar auf Grund eines kürz-
lich der Stadt zugefallenen Vermächtniffes des
in Stuttgart verftorbenen Rentners Happel, in
Höhe von M. 50—60000, das für einen Anbau
an die ftädtifchen Sammlungen beftimmt ift.
Happel hatte fchon bei Lebzeiten den Heidel-
berger Sammlungen M. 100000 gefchenkt.

LEIPZIG Auf der am 29. November bei
Schulte in Berlin ftattgehabten Auktion der Ge-
mäldefammlung Laroche-Ringwald erftand nadi

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